- Notizen
Wie partizipative Prozesse gelingen können
01.01.2026
Bloc-Notes
Im Rahmen einer Masterarbeit untersuchten wir mögliche Herausforderungen partizipativer Prozesse. Hierzu führten wir Interviews mit Expertinnen und Experten aus der Praxis und der Wissenschaft. Durch die Analyse der Interviews identifizierten wir zehn Herausforderungen, die sich wie folgt in den drei Phasen eines partizipativen Prozesses verorten lassen: 1) Anwerben von Partizipierenden, die Unterschiede zwischen Wissenschaft und Praxis, Transparenz und die Konnotationen des Wortes «Partizipation»; 2) Partizipationskompetenzen, Gruppendynamik und Vertrauen; 3) Zeitmangel, gemeinsame Sprache und fehlende finanzielle Mittel. Zudem haben wir für diese zehn Herausforderungen in der Literatur Lösungsansätze identifiziert.
Schweiz Z Forstwesen 177 (1): 52–53.https://doi.org/10.3188/szf.2026.0052
* Sonneggstrasse 33, CH-8092 Zürich, E-Mail rachel@linley.info
Das Einbinden von Forschungsergebnissen in die Praxis und die Integration von Praxiserfahrung in die Forschung ist oft mit Hindernissen verbunden (Hurlbert & Gupta 2015). Mit einem partizipativen Prozess können diese Hindernisse überwunden werden. Jedoch wird Partizipation in der Literatur oftmals idealisiert. Sie bedeutet die Mitwirkung unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure auf verschiedenen Stufen: Diese kann von Anweisung (Nichtpartizipation) oder Anhörung (Vorstufen der Partizipation) bis zur Entscheidungsmacht (Partizipation) reichen. Die damit verbundenen Herausforderungen werden gerne übersehen (Hurlbert & Gupta 2015). Auch im Waldsektor – vor allem in siedlungsnahen Wäldern – ist die Partizipation der Bevölkerung oder relevanter Interessensvertreterinnen und -vertreter längst kein Selbstläufer (Wilkes-Allemann et al 2024). Dieses Thema wird im Waldsektor rege diskutiert,1 wobei die Bedeutung der Partizipation betont wird. Gleichzeitig stellt man fest, dass die Partizipation im Wald oft nur in Vorstufen zur Anwendung kommt (Lieberherr et al 2024; Wilkes-Allemann et al 2024).
Im Rahmen einer Masterarbeit an der ETH Zürich untersuchten wir Herausforderungen in partizipativen Prozessen zwischen Forschung und Praxis und versuchten, diese zu benennen und besser zu verstehen (Linley 2023). Hierzu führten wir 2023 semistrukturierte Interviews mit Schweizer Expertinnen und Experten aus der Praxis und der Wissenschaft aus dem Bereich Biodiversitätsschutz. Diese sind potenzielle Partizipierende am «Synthesezentrum Biodiversität»2, das als Fallbeispiel dieser Arbeit diente.
Die drei Phasen
Durch die qualitative Analyse der Interviews identifizierten wir Herausforderungen entlang der drei Phasen partizipativer Prozesse. In der ersten Phase wird idealerweise ein Problem in Zusammenarbeit aller Partizipierenden identifiziert und formuliert (Elzinga 2008). Als Nächstes diskutieren die Partizipierenden Konzepte und Hypothesen und analysieren das Problem (Elzinga 2008). Die Partizipierenden generieren also gemeinsam ein Wissen, das in der dritten Phase sowohl in praxisorientierte als auch wissenschaftliche Anwendungen einfliessen kann.3 Zudem sollten die Auswirkungen der Ergebnisse des Prozesses untersucht werden.
Die Herausforderungen
Wie in Abbildung 1 auf der linken Seite dargestellt, gibt es gemäss der Analyse drei mögliche Herausforderungen: Zeitmangel (1), eine gemeinsame Sprache (2) und fehlende finanzielle Mittel (3). Sie können über den gesamten Partizipationsprozess bestehen. Die übrigen Herausforderungen lassen sich hingegen in den ersten zwei Phasen verorten.
Die Analyse zeigt auch, wie wichtig es ist, die Unterschiede zwischen Wissenschaft und Praxis (4) in der ersten Phase zu berücksichtigten. Auch die Anwerbung potenzieller Partizipierender (5) kann eine Herausforderung in der ersten Phase sein. Es können jedoch auch zu einem späteren Zeitpunkt weitere Partizipierende in den Prozess miteinbezogen werden. Gemäss der Analyse ist es ebenfalls bedeutend, dass in der ersten Phase der Zweck der Partizipation transparent kommuniziert (Transparenz, 6) und die Konnotationen des Wortes «Partizipation» (7) thematisiert werden.
In der zweiten Phase sind möglicherweise Partizipationskompetenzen (8), Gruppendynamik (9) und Vertrauen (10)4 besondere Herausforderungen. Folglich kann es förderlich sein, aktiv eine positive Gruppendynamik (9) zu kultivieren und Vertrauen (10) aufzubauen. Gelingt dies nicht, wird gemäss unserer Analyse der Prozess in der zweiten Phase mit ebendiesen Herausforderungen konfrontiert sein.5
Die Lösungsansätze
Partizipative Prozesse sind iterativ. Deshalb gibt es keine einfachen Abkürzungen, was sie zeitaufwendig macht. Es können allerdings Bedingungen geschaffen werden, die die Partizipierenden dazu bringen, sich aktiv zu beteiligen, was das Knüpfen von Beziehungen erleichtert. Beispielsweise weist die Analyse darauf hin, dass persönliche Gespräche als die bevorzugte Form der Kommunikation gewählt werden sollten. Auch ist die Förderung einer Kultur der Selbstreflexion wichtig, um die Erwartungen der Partizipierenden managen zu können. Hierzu können zum Beispiel Diskussionen zu den Einflussdynamiken oder zu den Folgen des partizipativen Prozesses angeregt werden. Durch Feldexkursionen wird ein gegenseitiges Verständnis zwischen der Wissenschaft und der Praxis aufgebaut. Zudem lässt sich die Gruppendynamik positiv beeinflussen, indem man sicherstellt, dass Wissen erarbeitet wird, das für alle Partizipierenden relevant ist.
Fazit
Diese Erkenntnisse bieten auch eine wichtige Grundlage für den Waldsektor. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Einerseits werden die Stufen der Partizipation mit unterschiedlichen Phasen und Herausforderungen ergänzt. Dies ist unseres Erachtens neu und bietet Transparenz für partizipative Prozesse. Andererseits dokumentiert diese Arbeit Herausforderungen für partizipative Prozesse an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis und wie diese bewältigt werden können. Diese Erkenntnisse sind auf unterschiedlichen Ebenen im Wald- und Forstsektor relevant. Beispiele sind das partizipative Einfliessen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse auf kommunaler und kantonaler Ebene ins Waldmanagement oder ein durch Partizipation vertiefter Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik in Gremien wie IDANE Wald + (Zabel et al 2022).
Fussnoten
Im Jahr 2022 veranstaltete die Arbeitsgemeinschaft für den Wald einen runden Waldtisch, wobei die verschiedenen Stufen, Herausforderungen wie auch Vor- und Nachteile der Partizipation diskutiert wurden:www.afw-ctf.ch/de/runde-waldtische/mitwirkung-im-wald(letzter Zugriff 9.9.2025)
Diese Initiative des ETH-Bereichs möchte den Wissenstransfer bezüglich Biodiversitätsschutz zwischen der Praxis und der Wissenschaft in der Schweiz unterstützen und vertiefen. Hierbei wird ein transdisziplinärer und partizipativer Ansatz verfolgt.synthesebiodiv.wsl.ch/de/(letzter Zugriff 9.9.2025).
Die drei Phasen lassen sich jedoch nicht klar voneinander trennen. Daher finden während eines partizipativen Prozesses Iterationen zwischen den Phasen statt (Elzinga 2008). Auch kann sich die Beteiligung verschiedener Partizipierenden und die Zusammenarbeit im Allgemeinen während des Prozesses ändern.
Elzinga (2008) weist darauf hin, dass von Anfang an Vertrauen zwischen den Partizipierenden aufgebaut werden muss, um die Interaktionen zwischen allen Partizipierenden zu erleichtern. Diese Herausforderung tritt besonders in der zweiten Phase auf, wenn der Schwerpunkt auf den internen Interaktionen und der Zusammenarbeit zwischen den Partizipierenden liegt.
Vielleicht scheitern aber auch Problemerkennung und -strukturierung daran, dass das Finden eines gemeinsamen Nenners gar nicht erst funktioniert.
Literatur
Participation. In: Hadorn GH, Hoffmann-Riem H, Biber-Klemm S, Grossenbacher-Mansuy W, Joye D, Pohl C, Wiesmann U, Zemp E (eds.) Handbook of transdisciplinary research. Dordrecht: Springer Netherlands: 345–359. doi:https://doi.org/10.1007/978-1-4020-6699-3_22
The split ladder of participation: A diagnostic, strategic, and evaluation tool to assess when participation is necessary. Environ Sci Policy 50: 100–113. doi:https://doi.org/10.1016/j.envsci.2015.01.011
Legitimität der Schweizer Waldpolitik 2020: Zusammenspiel zwischen Partizipation, Effizienz und Wirkung. Schweiz Z Forstwes 175(1): 12–18. doi:https://doi.org/10.3188/szf.2024.0012
Challenges of participation: Identifying potential challenges of the Translational Center Biodiversity Conservation’s participatory approach. ETH Zürich. doi:https://doi.org/10.3929/ethz-b-000680902
Mitwirkung im Kontext von Urban Forestry. Schweiz Z Forstwes 175 (5): 222–229. doi:
https://doi.org/10.3188/szf.2024.0222
Erweiterte Diskussionsplattform zur internationalen Waldpolitik (IDANE Wald+). Schweiz Z Forstwes 173 (5): 247–249. doi:https://doi.org/10.3188/szf.2022.0247