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Wechselwirkungen zwischen Wildtieren und Waldbiodiversität
Zwei Arbeitsgruppen des SFV tauchten an einer Praxistagung in die komplexen Fragen rund um den Einfluss von Wildhuftieren auf das Ökosystem Wald ein. Die unterschiedlichen Perspektiven ermöglichten neue Einsichten.
01.01.2026
AGs Wald und Wildtiere und Waldbiodiversität · GT Biodiversité en forêt et forêt et faune sauvage
Die Arbeitsgruppen Wald und Wildtiere sowie Waldbiodiversität des Schweizerischen Forstvereins (SFV) haben trotz unterschiedlicher fachlicher Ausrichtungen auch Berührungspunkte. Daher planten sie 2025 gemeinsame Veranstaltungen. Zwei Fachtagungen/Weiterbildungen im Frühjahr widmeten sich dem Thema Lebensraumförderung von Wildtieren im Wald. In der Praxistagung im Unterengadin lag der Schwerpunkt im Oktober dann auf den Wildhuftieren und deren Einfluss auf die Waldbiodiversität. An der gemeinsam organisierten Tagung wurden Praxisbeispiele begutachtet und ein ganzer Tag der «Wildnis» und den Nahrungsketten im Nationalpark gewidmet – vom Wolf über den Rothirsch bis zur Vegetation.
Diskussionsbedarf ist vorhanden
Die fachliche Einführung am ersten Tag durch Gian Cla Feuerstein (Regionalleiter Südbünden, Amt für Wald und Naturgefahren) und Flurin Filli (Leiter Naturschutz und Naturraummanagement Nationalpark) zeigte die Wichtigkeit von Geschichte und regionalem Kontext auf, um die aktuellen Verhältnisse richtig einzuordnen. Da tauchten Fragen wie folgende auf: Was hat der Bergbau in Österreich mit den homogenen Waldstrukturen im Nationalpark zu tun? Warum durften Rothirsche früher im Winter von den Annehmlichkeiten der Nutztierställe profitieren?
Die anschliessende Umfrage im Plenum verdeutlichte die unterschiedlichen Haltungen der Teilnehmenden zur Frage, inwiefern die Wildhuftiere einen Einfluss auf die Waldbiodiversität haben (Abbildung 1). Ein breiter Austausch aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse und konkreter Fallbeispiele schien notwendig, um Grundsätzliches differenziert diskutieren zu können. So zeigten die Forschungsresultate von Martin Schütz (Pflanzenökologe WSL) eindrücklich auf, wie hoher Beweidungsdruck von Hirschen die Diversität auf einer Wiese beeinflusst und ein neues Ökosystem mit sich verändernden Abhängigkeiten zwischen den Pflanzen- und Tierarten entsteht. Im konkreten Beispiel war die Biodiversität durch die Beweidung erhöht, was erstaunen mag, doch lassen sich diese Erkenntnisse nicht eins zu eins auf den Wald übertragen.
Biodiversitätsförderung im Unterengadin
Am zweiten Tag wurden vier Praxisbeispiele im Unterengadin diskutiert. In einem Projekt über extensive Beweidung auf einer Trockenwiese bei Sent wurde ersichtlich, wie der Rothirsch im Wintereinstand von der Offenhaltung des Waldes profitiert und gleichzeitig zur Förderung der Biodiversität beiträgt. Es stellte sich die Frage, warum an einem Waldstandort gezielt beweidet wird und in einem anderen die Beweidung durch den Hirsch unerwünscht ist. Unterschiedliche Bedürfnisse der Gesellschaft erfordern eine sehr gezielte und kleinflächige Planung, die manchmal auf den ersten Blick schwer nachvollziehbar ist.
Angrenzend an die Auenlandschaft Panas-ch–Resgia wachsen auf Schotterböden Föhrenwälder. Mit Schürfversuchen wurde hier geprüft, wie sich die Föhre am besten verjüngt. Zudem werden Massnahmen zur Biodiversitätsförderung vorgenommen. Gleichzeitig ist das Gebiet stark touristisch genutzt – mit Campingplatz, Skulpturenweg und Seilpark. Den verschiedenen Bedürfnissen wird mit Kompromisslösungen Rechnung getragen.
Unterhalb von Scuol konnten die Auswirkungen des Bädertourismus des 19. Jahrhunderts auf den Waldbestand begutachtet werden. In seiner Hochblüte wurden entlang des Inns zur Bereicherung des Landschaftsbilds viele Baumarten eingebracht, u.a. diverse Laubbaumarten, die im Unterengadin bis dahin fehlten. Am so entstandenen Laubmischwald liessen sich beispielhaft der Einfluss des Klimawandels auf die Baumartenzusammensetzung sowie der weitere Wandel hin zu höherem Laubholzanteil beobachten. Es zeigte sich, dass es sich lohnen kann, in nadelholzdominierten Beständen frühzeitig (Laub-)Baumarten einzubringen, die als Samenbäume dienen können.
In einem Schutzwald oberhalb von Scuol wurde deutlich, wie schwierig es sein kann, bei hohen Wildhuftierdichten Verjüngung aufzubringen, um die Schutzwaldfunktion zu erhalten. Die Überlagerung von Wald mit Trockenwiesen und -weiden erzeugt Synergien zwischen Schutzfunktion und Biodiversität, doch die Vereinbarkeit hat ihre Grenzen. Junge Bäume und Sträucher müssen geschützt werden, damit sie eine Chance haben aufzukommen. Um den Anriss von Gleitschneelawinen über hohem Gras zu verhindern, wird zudem die Beweidung der Grasflächen durch Nutztiere getestet. Rothirsche können mit dem Äsen auf Offenflächen ebenfalls einen Beitrag leisten.
Am Beispiel eines Berner Projekts zum lichten Wald im Steinschlagschutzwald wurde über mögliche Synergien von Bewirtschaftung von Schutzwäldern und gleichzeitiger Biodiversitätsförderung diskutiert. Es zeigte sich, dass Steinschlagschutz und Biodiversität gut kombinierbar sind, die Abwägungen dazu aber direkt im Wald stattfinden müssen. Die Vertretung des BAFU interessierte, inwiefern NaiS Synergien zwischen Schutzwaldbewirtschaftung und Biodiversitätsförderung fördern könnte. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass es kein Schwarz-Weiss gibt und NaiS in Bezug auf die segregative Förderung von einer «grundsätzlich möglichen» Synergie ausgehen sollte. Die Teilnehmenden begrüssten das Interesse des BAFU am Austausch für praxistaugliche Lösungen sehr.
Die Beispiele erinnerten daran, wie in der kleinparzellierten Schweiz Kompromisse auf kleinstem Raum gefunden werden müssen. Wie wir den Wald betrachten und die Ansprüche auf seine Funktionen bewerten, kann nicht nur aus einer Perspektive diskutiert werden. Hohe Wildhuftierpopulationen sind dort ein ernsthaftes Problem, wo der Schutz vor Naturgefahren wegen ausbleibender Verjüngung nicht mehr gewährleistet ist. Andernorts können sie aber die Diversität positiv beeinflussen. Diese zeigt sich im gesamten Artenspektrum und nicht nur in einer hohen Anzahl Baumarten. Wo immer möglich, sollten Synergien genutzt werden. Indes lässt sich die Natur nur beschränkt vom Menschen steuern, und die Hirsche wählen ihre eigenen Wege. Die natürliche Dynamik von Tieren und Pflanzen muss immer berücksichtigt werden.
Der Schweizer Nationalpark: eine Wildnisinsel?
Der Schweizer Nationalpark wird meistens als Wildnis wahrgenommen. Aber diese «Wildnis» ist beeinflusst von der umliegenden Landschaft: Rothirsche ziehen abhängig von den Jagdzeiten durch das Gebiet, flächige Waldbrände werden verhindert, Wolfsrudel in unmittelbarer Nähe abgeschossen. Der Nationalpark ist keine Insel, sondern Teil eines viel grösseren, vom Menschen beeinflussten Ökosystems und steht in ständiger Wechselwirkung mit angrenzenden Gebieten. Interessante Forschungsresultate aus dem Park gibt es viele, nur ist ihre Übertragbarkeit teilweise sehr eingeschränkt. Spannende Fragen warten weiter auf Antworten, beispielsweise:
- Hat die Beweidung durch den Rothirsch auch im Wald einen positiven Effekt auf die Biodiversität?
- Wie stark kann eine Reduktion der menschlichen Störungen in Einständen der Rothirsche den Wildeinfluss auf den Wald reduzieren?
- Welches ist der langfristige Einfluss von Wölfen auf die Rothirschpopulation, und welche Auswirkungen hat er auf Wald und Offenland?
Eine nützliche Horizonterweiterung
Die gemeinsame Tagung zweier Arbeitsgruppen hat zum Perspektivenwechsel angeregt und den Horizont erweitert. Die Problematik rund um die hohen Wildhuftierpopulationen, aber auch deren Rolle im Gesamtökosystem Wald müssen offen diskutiert werden können. Die Tagung bot Raum, um Herausforderungen aus verschiedenen Perspektiven zu erörtern. Die Fallbeispiele und wissenschaftlichen Inputs haben aber gezeigt, dass wissenschaftliche Studien und gut dokumentierte Praxisbeispiele teilweise fehlen, um die Positionen vom ersten Tag (Abbildung 1) differenziert diskutieren zu können. Viele Fragen blieben daher auch nach zweieinhalb intensiven Tagen offen. Der Wissensbedarf zum Zusammenspiel des Ökosystems Wald inklusive Wildhuftierpopulationen und grosser Beutegreifer, dies unter Berücksichtigung der menschlichen Ansprüche an den Wald, bleibt gross. Für einen offenen und fachübergreifenden Dialog besteht weiterhin dringender Bedarf.
Isabel Ballmer, Verantwortliche Wald-Wild, Amt für Wald und Naturgefahren Kanton Bern,isabel.ballmer@be.ch
Zora Urech, Verantwortliche Waldbiodiversität, Amt für Wald und Naturgefahren Kanton Bern,zora.urech@be.ch
Schweiz Z Forstwes 177 (1): 64 –65.