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Waldleistungen: gemeinsam mit der Bevölkerung zu besseren Planungsgrundlagen
01.09.2025
Notiz
Der Schweizer Wald stellt zahlreiche materielle und immaterielle Leistungen und Ressourcen bereit, die direkt oder indirekt zum menschlichen Wohlbefinden beitragen. Diese sogenannten Waldleistungen sind essenziell für fundierte Entscheidungen in Politik, Raum- und Waldplanung. Eine flächendeckende und detaillierte Datengrundlage dazu fehlt in der Schweiz jedoch weitgehend. Dieser Artikel beleuchtet das Potenzial sowie die Herausforderungen einer stärkeren Einbindung der Bevölkerung in die Erfassung und das Monitoring von Waldleistungen und diskutiert deren Relevanz im Planungskontext.
Schweiz Z Forstwesen 176 (5): 282–285.https://doi.org/10.3188/szf.2025.0282
* Länggasse 85, CH-3052 Zollikofen, E-Mail: johanna.trummer@bfh.ch
Die vom Wald bereitgestellten Waldleistungen haben einen direkten oder indirekten Einfluss auf das menschliche Wohlbefinden. Einige Waldleistungen werden regelmässig durch standardisierte Methoden mittels verschiedener Indikatoren dokumentiert (z.B. Nutzung von Energieholz, Ausweisung von Waldreservaten). Zu anderen Waldleistungen (z.B. Verfügbarkeit von Pilzen und Beeren, Zufriedenheit der Bevölkerung während Waldbesuchen) liegen nur wenige, punktuelle oder stark generalisierte Informationen vor. Gründe dafür sind die mangelnde ökonomische Relevanz dieser Leistung sowie die konzeptionelle Herausforderung einer standardisierten Erhebung. Insbesondere Waldleistungen, bei denen eine wirtschaftliche Inwertsetzung möglich ist, werden häufiger erfasst. Kulturelle Leistungen, die meist mit subjektiven Einschätzungen verbunden sind, haben bei regelmässigen Datenaufnahmen oft einen geringen Stellenwert oder werden komplett weggelassen, obwohl sie in Naherholungswäldern eine wichtige Rolle spielen (Abbildung 1). Denn Kenntnisse über Waldleistungen auf lokaler oder regionaler Ebene sind essenziell, um fundierte Entscheidungsgrundlagen für politische Prozesse auf Bundes- und Kantonsebene und für forstbetriebliche Entscheidungen auf lokaler Ebene bereitzustellen – Informationen, die auch für Waldeigentümerinnen und -eigentümer relevant sind. Und auch die Wissenschaft zeigt Interesse: Das nationale Projekt ValPar.ch beschäftigt sich mit dem in Pärken vorhandenen Mehrwert der ökologischen Infrastruktur.
In der Schweiz stützt sich die Weiterentwicklung der Waldpolitik auf die Ergebnisse diverser Monitoringinstrumente wie das Landesforstinventar (LFI) und das Waldmonitoring sozio-kulturell (WaMos). Diese erfassen teilweise auch direkt und indirekt Daten zu Waldleistungen. Die Erhebungen erfolgen jedoch primär auf nationaler Ebene und meist in zehnjährigen Intervallen. Für eine Nutzung auf Betriebsebene oder im Bereich der Naherholung sind diese Daten jedoch aufgrund ihrer geringen zeitlichen Frequenz und niedrigen räumlichen Auflösung nur eingeschränkt verwendbar.
Um die bestehende Datenbasis zu verbessern und spezifischen lokalen Bedürfnissen besser gerecht zu werden, bietet sich eine stärkere Zusammenarbeit mit der Bevölkerung an. Waldbesucherinnen und -besucher bewegen sich häufig in denselben Erholungswäldern und stellen somit eine zentrale Interessengruppe dar. Dieser partizipative Ansatz findet bereits Berücksichtigung in den Waldentwicklungsplänen (WEP), einem wesentlichen Koordinations- und Steuerungsinstrument der kantonalen Forstdienste. In den WEP werden ökologische, ökonomische und soziale Interessen am Wald überbetrieblich und behördenverbindlich festgelegt sowie mit der Raumplanung abgestimmt. Zudem ist in den WEP ein Mitwirkungsverfahren vorgesehen (Art. 18 Abs. 3 WaV), das darauf abzielt, potenzielle Konflikte zwischen den unterschiedlichen Waldnutzerinnen und -nutzern frühzeitig zu erkennen oder von vornherein auszuschliessen.
Citizen Science: ein Mittel zum Zweck?
Um das Potenzial der Mitwirkung der Gesellschaft bei der Erfassung der Waldleistungen auszuloten, mögliche Herausforderungen bei der Datenerfassung und -auswertung basierend auf einem Citizen-Science-Ansatz zu identifizieren und Möglichkeiten für die Umsetzung im Planungskontext aufzuzeigen, entwickelte die HAFL ein entsprechendes Vorkonzept. Dieses Projekt (2022–2024) wurde vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) finanziert. Bereits abgeschlossene Studien zeigen, dass partizipative Forschungsansätze wie Citizen Science ein grosses Potenzial für die Datenerfassung für Monitorings bergen (Wilkes-Allemann et al 2021). Um die bestehenden Möglichkeiten im Rahmen des Projektthemas umfassend zu beleuchten, wurden Personen und ihre Erfahrungswerte aus Praxis und Wissenschaft in die Forschung aktiv eingebunden.
Das Potenzial der Mitwirkung der Bevölkerung
Das Projekt zeigt, dass bislang noch keine ganzheitliche Erfassung von Waldleistungen unter aktiver Einbindung der Bevölkerung realisiert wurde – weder in der Schweiz noch anderswo. Diesbezüglich gibt es aber ein grosses Potenzial: Dies ergaben die Recherchen in diesem Projekt (Trummer & Wilkes-Allemann 2025). Erfahrungen von Akteurinnen und Akteuren, die sich beruflich mit Waldleistungen auseinandersetzen, konnten zusätzliche Einblicke liefern. Das Konzept der Waldleistungen ist in der Schweiz zwar bekannt und findet bei einschlägigen Berufsgruppen Anwendung. Es liegen jedoch keine hinreichend differenzierten Daten zu den verschiedenen Waldleistungen vor, die als fundierte Planungsgrundlage (z.B. von WEP) dienen könnten. Um die bestehenden Daten als Entscheidungsgrundlage in Betracht ziehen zu können, bräuchte es eine genauere zeitliche und räumliche Auflösung der Daten. Mit den Daten von LFI und WaMos besteht eine solide Datengrundlage für wichtige Waldleistungen auf Bundesebene. Insbesondere die kantonalen Vertiefungsdatensätze finden in verschiedenen Arbeitsfeldern Anwendung.
Basierend auf diesen Erkenntnissen zeigt das Projekt, dass eine Erfassung von Waldleistungen auf drei verschiedenen Ebenen von Vorteil wäre, um so die Interessen und Anliegen der unterschiedlichen Nutzerinnen- und Nutzergruppen mit der nötigen Genauigkeit abbilden zu können. Hierbei bietet sich eine Unterscheidung zwischen der Naherholungs-, Betriebs- und der kantonalen Ebene an. Auf Naherholungsebene werden in diesem Fall für die Naherholung relevante Wälder berücksichtigt. Dazu gehören Stadt- und stadtnahe Wälder. So können relevante Daten im Bereich der Naherholung (z.B. kulturelle Leistungen) kleinräumig und zielgerichtet erfasst werden. Andererseits ist es möglich, durch Hochrechnungen der Daten Vergleiche zwischen unterschiedlichen Wäldern auf kantonaler Ebene zu ziehen.
Bezüglich der potenziellen Mitwirkung der Bevölkerung ergeben sich folgende Vorteile: Fachpersonal könnte zusätzliche Einblicke in die Interessen und Bedürfnisse der Waldnutzerinnen und -nutzer gewinnen, und durch die aktive Einbindung entstünde ein erhöhtes gesellschaftliches Bewusstsein für Waldleistungen. Dies könnte langfristig zu einem Umdenken im Umgang mit dem Wald führen. Gleichzeitig wurden im Rahmen des Projekts folgende Herausforderungen identifiziert: (i) Unter der Heterogenität der Datenerfassenden könnte die Datenqualität leiden. (ii) Eventuell muss mit einem zusätzlichen Ressourcenaufwand für Briefings von Interessierten, für die Begleitung bei Datenerhebungen und das Controlling der Datenqualität gerechnet werden. (iii) Essenziell ist es, Daten von bereits etablierten Monitoringinstrumenten (z.B. LFI und WaMos) bei der Entwicklung und Umsetzung neuer partizipativer Ansätze zu integrieren.
Partizipatives Monitoring: das Potenzial der Datenerfassung
Um Waldleistungen ganzheitlich zu erfassen, ist es aus datentechnischer Sicht erforderlich, eine oder mehrere geeignete, möglichst einfach messbare Indikatoren zu definieren – zum Beispiel den Temperaturunterschied in Grad Celsius als die Kühlleistung des Waldes. Das Projekt zeigt, dass es bereits in dieser Phase vorteilhaft ist, relevante Stakeholder aktiv einzubeziehen. So können Kerngrössen ausgewählt werden, die aus wissenschaftlicher Sicht valide und in der Praxis relevant und breit akzeptiert sind. Auch potenzielle Erhebungsmethoden, die sich für den Einsatz von Citizen Science eignen, sollten in diesen Auswahlprozess miteinfliessen. Die Auswahl geeigneter Indikatoren wird jedoch durch die gewählte Erhebungsmethode, die Verfügbarkeit und Nutzbarkeit der Daten sowie durch technische und organisatorische Rahmenbedingungen eingeschränkt.
Die Analyse zeigt, dass nicht alle Waldleistungen beziehungsweise deren Indikatoren unter Mitwirkung der breiten Bevölkerung erfasst werden können; dazu ist die Datenerfassung für manche Waldleistungen technisch und fachlich zu komplex (z.B. Sauerstoffproduktion, Kohlenstoffspeicher). Deshalb müssen diese weiterhin von Expertinnen und Experten erfasst werden. Eine Übersicht zum Erfassungspotenzial der einzelnen Waldleistungen durch gesellschaftliche Mitwirkung bietet Tabelle 1. Die Einbindung von Expertinnen und Experten ist auch entscheidend, um einem potenziellen Qualitätsverlust durch partizipative Datenerhebung entgegenzuwirken.
Da einige Indikatoren mehreren Waldleistungen dienen können, ist es sinnvoll, bei der Konzeption eines Erhebungssystems das gesamte Spektrum möglicher Waldleistungen zu berücksichtigen. Damit ergibt sich eine Übersicht der Indikatoren vor der Datenerfassung. So hängt etwa die Kühlleistung direkt mit der Temperatur zusammen, die wiederum ein abiotischer Indikator für die Artenvielfalt ist. Dabei stellt sich die Frage, ob die von Waldbesucherinnen und -besuchern subjektiv empfundene Temperatur oder die physikalisch gemessene Temperatur (meteorologisch) ausschlaggebend ist.
Dieses Beispiel verdeutlicht die Komplexität bei der Auswahl von Indikatoren, die sowohl den Anforderungen wissenschaftlicher Genauigkeit als auch den Erwartungen und Nutzungszielen aller Stakeholder gerecht werden müssen. Hierfür sind eine enge Koordination und realistische Kompromisse unabdingbar.
Wo sinnvoll und umsetzbar, kann die gesellschaftliche Mitwirkung zur Generierung fassbarer Datensätze beitragen. Dies gilt insbesondere für den Bereich der kulturellen Waldleistungen, die bislang oft nur auf subjektiven Einschätzungen von Fachpersonal beruhen. Aufgrund der Vielfalt der unterschiedlichen Waldleistungen existieren auch verschiedenste Methoden, die sich zur Datenerfassung bei Einbindung der Bevölkerung eignen. Die richtige Wahl der Erfassungsmethode ermöglicht wiederum eine Reduktion der Datenheterogenität. In diesem Kontext sollten dann auch die relevanten Fragen an den Erfassungsort angepasst werden. So kann sichergestellt werden, dass sich die Bevölkerung abgeholt und integriert fühlt.
Als konkrete Form der Datennutzung schlagen wir eine kartografische Darstellung in unterschiedlichen räumlichen Massstäben vor, um die Bedeutung verschiedener Waldleistungen für spezifische Flächen zu visualisieren (Abbildung 2). Dies ist insbesondere im Kontext der Naherholung von Relevanz. Smartphones mit entsprechenden Apps sind das naheliegendste Datenerhebungstool im Citizen-Science-Kontext. Diese Apps ermöglichen eine standardisierte Erfassung, reduzieren das Fehlerpotenzial und erlauben die zentrale Speicherung von Daten.
Mitwirkung im forstlichen Planungskontext
Die planungstheoretische Literatur zeigt, dass mit der zunehmenden Komplexität die Legitimität der Planenden vermehrt infrage gestellt wird, da diese nicht alle Perspektiven zu erkennen vermögen. Die Mitwirkung der Bevölkerung in der Planung ist somit ein wichtiger Teil der Interessenabwägung: So können die involvierten Interessen umfassend ermittelt und bewertet werden. Mitwirkung, unter anderem in Form von Citizen Science, gewinnt auf diese Weise an Bedeutung. Denn sie ermöglicht, lokales Wissen, Wahrnehmungen und Haltungen aufzunehmen und in Form von quantitativen wie qualitativen Daten in den Planungsprozess einzuspeisen.
Der WEP dient in vielen Kantonen als Hauptinstrument für die Sicherung der öffentlichen Interessen am Wald. Auf betrieblicher Ebene dienen der Betriebsplan und die entsprechende Betriebsstrategie zur Sicherung der Interessen der Waldeigentümerinnen und -eigentümer. Citizen Science kann auf Ebene der WEP sowohl bei der Erhebung der Ausgangslage wie auch im Monitoring im Rahmen der Nachhaltigkeitskontrolle zum Einsatz kommen. Auf Ebene der Betriebsplanung kann Citizen Science eingesetzt werden, um Hinweise auf Ausgangslage und Bedürfnisse zu erfassen und um ein entsprechendes Leistungsportfolio zu erarbeiten.
An drei Fallstudien in den Kantonen Aargau, Freiburg und Zürich wurde untersucht, wo in bestehenden Erhebungen und Planungen Waldleistungen mit Potenzial für eine Mitwirkung der Bevölkerung enthalten sind. Es zeigte sich, dass – mit Ausnahme von Erhebungen zu Haltungen und Meinungen (z.B. Umfragen in WaMos) und punktuellen Erhebungen im Rahmen der betrieblichen Planung – zurzeit keine Datenerfassung durch Citizen Science in der forstlichen Planung erfolgt. Die Mitwirkung der Bevölkerung beschränkt sich weitgehend auf die rechtliche Mitwirkung im Sinne einer Anhörung im Rahmen der überbetrieblichen WEP.
Generell wünschen sich die Waldplanenden mehr Daten zu den verschiedenen Freizeitnutzungen des Waldes, primär auf der betrieblichen Ebene. Hier liegt das grösste Potenzial für den Einbezug der Bevölkerung, denn sie verfügt über das nötige Wissen, um nutzbare Daten liefern zu können.
Ebenfalls von hoher planerischer Relevanz sind die Waldleistungen im Bereich Biodiversität. Hier bestehen bereits viele Datensätze. Ein Einbezug der Bevölkerung wird deshalb als höchstens ergänzend gesehen. Die (mangelnde) Datenqualität bei der Erhebung wird dabei als Hauptproblem genannt.
Der Mehrwert eines Einbezugs der Bevölkerung wird insgesamt weniger bei der Datenerhebung als vielmehr im Bereich der Sensibilisierung für Waldthemen und Planungsprozesse gesehen. Eine Beteiligung an Citizen-Science-Projekten wäre demnach der Weg, damit die Planenden mit der Bevölkerung in einen Austausch treten können. Tatsächlich ist die Sensibilisierung bereits heute in vielen Planungsdokumenten als begleitende Massnahme enthalten.
Fazit
Das Projekt zeigt, dass je nach Region, Waldart und Arbeitsbereich unterschiedliche Waldleistungen von Interesse sind. Dennoch ist klar, dass eine holistische Datenbasis aller Waldleistungen einen grossen Mehrwert für die zukünftige Waldplanung auf unterschiedlichen Ebenen mit sich bringt. Aus diesem Grund sollten Entscheidungsträgerinnen und -träger selbst entscheiden können, welche Waldleistungen im relevanten Untersuchungsgebiet erfasst werden. In jedem Fall wird die Mitwirkung der Bevölkerung als potenziell nützliche Hilfe bei zukünftigen Datenerfassungen und Monitorings von Waldleistungen gesehen – insbesondere bei Erfassung der kulturellen Leistungen wie der Freizeitnutzung des Waldes. Zudem wird die Mitwirkung als eine potenzielle Methode zur Kommunikation und zur Sensibilisierung der Gesellschaft wahrgenommen. Citizen Science kann die Bevölkerung befähigen, fundiert bei Planungs- und Entscheidungsprozessen mitzuwirken. So kann sichergestellt werden, dass die lokale Bevölkerung sich abgeholt und integriert fühlt und die lokalen Gegebenheiten berücksichtigt werden. Momentan lässt sich eine ganzheitliche Erfassung aller Waldleistungen aufgrund von finanziellen und technischen Einschränkungen noch nicht umsetzen. Eine Fallstudienuntersuchung könnte jedoch hilfreiche Aufschlüsse für eine zukünftige, nationale Umsetzung liefern.
Link zu Projektseite
www.bfh.ch/de/forschung/forschungsprojekte/2022-359-750-838/
Waldfunktionen und Waldleistungen. Merkblatt / Version vom 15.11.2022. Bern: Bundesamt für Umwelt. 4 p.
Schlussbericht zum Projekt «Vorkonzept zur Erfassung der Waldleistungen aus Sicht der Gesellschaft» im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt.
The potential of participatory citizen science for assessing ecosystem services in support of multi-level decision-making – insights from Switzerland. For. Policy Econ., Article 103510. Advance online publication. doi:https://doi.org/10.1016/j.forpol.2025.103510
Citizen Sciences concept for the WAMO+ (Partizipatives Monitoring der Waldökosysteme für ein zukunftsfähiges Waldmanagement unter Veränderungen des Klimas und der Gesellschaft). Projekt. BFH-HAFL