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Ökologie rechnet sich: Biodiversität als Strategie im Risiko-Return-Management

Der Workshop des Integrate-Netzwerks in Zürich zeigte Wege auf, wie ein Fokus auf Biodiversität und Closer-to-Nature-Bewirtschaftung Europas Wälder fit für die Zukunft machen kann. Verena Griess argumentierte in ihrem Beitrag für den wirtschaftlichen Gewinn bei der Integration von Ökologie und Ökonomie und durch die Berücksichtigung von Risikoberechnungen und langfristigem Nutzen.

01.09.2025

Workshop

Warum werden Ökologie und Ökonomie so häufig als Konkurrenten verstanden? Zumindest teilen sich beide Begriffe mit dem griechischen Wort oíkos (Haushalt) einen Wortstamm. Während Ökologie (oíkos und lógos, «Studium») ursprünglich systematisch die Wohnstätten des Lebens erforschte, beschrieb Ökonomie (oíkos und nomós, «Verwaltung») die praktische Verwaltung des Wohnorts (Helmer 2024).

Trotz der gemeinsamen sprachlichen Herkunft wird ökologische Integrität heute oft als Hindernis für den wirtschaftlichen Fortschritt angesehen, während wirtschaftliche Zwänge als Hindernisse für den Umweltschutz gelten.

Der Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie ist jedoch weder zwangsläufig noch inhärent. Vielmehr ist er das Ergebnis historischer Entwicklungen – insbesondere des Übergangs von der vorindustriellen Haushaltsführung zu modernen, wachstumsorientierten Marktsystemen. Diese Transformation hat den Begriff der «Wirtschaft» zunehmend auf monetäre Transaktionen verengt und ökologische Prozesse zu externen Effekten degradiert (Spash 2019). Als Folge davon werden nicht marktbezogene Leistungen, wie die vielfältigen Funktionen unserer Wälder, in wirtschaftlichen Abwägungen häufig übersehen.

Vielmehr ist der Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie das Ergebnis historischer Entwicklungen – insbesondere des Übergangs von der vorindustriellen Haushaltsführung zu modernen, wachstumsorientierten Marktsystemen.

Verena C. Griess

Eine umfassendere Betrachtung, die auch ökologische Risiken explizit einbezieht, zeigt: Ökologisch sinnvolle Entscheidungen können langfristig den wirtschaftlichen Wohlstand sichern und unter Umständen sogar maximieren.

Der Wachstumsimperativ und seine blinden Flecken

Die Vorstellung, dass materielles Wachstum der zentrale Massstab für kollektiven Fortschritt sei, entwickelte sich schrittweise. Bereits frühe klassische Ökonomen betrachteten wirtschaftliches Wachstum als Quelle nationalen Wohlstands. Doch erst das neoklassische Modell der Kapitalakkumulation und des exogenen technologischen Wandels verlieh dem Wachstumsbegriff eine mathematisch fassbare Struktur und machte ihn zu einem formalen wirtschaftspolitischen Ziel (Solow 1956).

Mit der monetaristischen Wende verknüpfte Milton Friedman die Stabilität der Geldmenge mit dem langfristigen Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft und stärkte damit das Wachstum als zentrales makropolitisches Ziel (Friedman 1968). Das daraus hervorgegangene «Wachstumsparadigma» gilt nach den Worten von Matthias Schmelzer als «die wichtigste Idee des zwanzigsten Jahrhunderts» und prägt seither Institutionen, die ein steigendes Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit gesellschaftlichem Wohlstand gleichsetzen (Schmelzer 2015).

Die Standard-Wohlfahrtsökonomie geht davon aus, dass Märkte Ressourcen effizient zuteilen, solange keine sogenannten «externen Effekte» die Preise verzerren. Da jedoch für viele Ökosystemfunktionen und -dienstleistungen keine unmittelbaren Marktsignale existieren, erscheinen sie – wenn überhaupt – in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen lediglich als Korrektur- oder Residualgrössen. Die wegweisende Analyse von Ronald Coase zeigte, dass bei unklaren oder fehlenden Eigentumsrechten externe Kosten nicht bepreist werden können, was ihren Ausschluss aus dem Kosten-Nutzen-Kalkül der Ökonomie scheinbar legitimiert (Coase 1960).

Bei unklaren oder fehlenden Eigentumsrechten können externe Kosten nicht bepreist werden, was ihren Ausschluss aus dem Kosten-Nutzen-Kalkül der Ökonomie scheinbar legitimiert.

Spätere empirische Studien verdeutlichten das Ausmass dieser Auslassung: Robert Costanza schätzte den jährlichen Wert globaler Ökosystemleistungen auf eine Grössenordnung, die mit dem weltweiten BIP vergleichbar ist (Costanza et al 1997). Dennoch bleiben die ökologischen Wertströme in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung weitgehend unsichtbar. In Erklärung dieses Phänomens haben James Boyd und Spencer Banzhaf nachgewiesen, dass selbst anerkannte Umweltleistungen selten in ökonomisch kompatiblen Einheiten quantifiziert werden. Genau dies trägt massgeblich zu ihrer fortgesetzten Marginalisierung bei (Boyd & Banzhaf 2007).

Kapitalismus, Abzinsung und Kurzfristigkeit dominieren über zukünftige ökologische Kosten. Investoren bewerten Projekte häufig mit Abzinsungssätzen, die über den sozialen Zeitpräferenzraten liegen. Dadurch werden kurzfristige Erträge im Barwert überbetont, während langfristige ökologische Kosten stark abgewertet und somit ökonomisch marginalisiert werden. Weitzman zeigte theoretisch, dass bei Unsicherheit über zukünftige Zinssätze der angemessene soziale Abzinsungssatz im Zeitverlauf sinkt – was bedeutet, dass hohe, konstante private Zinssätze langfristige Schäden systematisch unterbewerten (Weitzman 1998). Arrow et al untermauerten dieses Argument und warnten davor, dass konventionelle Abzinsungspraktiken politische Entscheidungen zulasten des langfristigen Umweltschutzes verzerren können (Arrow et al 2013).

Unterdessen veranschaulicht Hardins Konzept der «Tragödie der Allmende», wie ungezügelte individuelle Eigentumsanreize die Übernutzung natürlicher Ressourcen beschleunigen – ein weiteres Ausdrucksphänomen der zeitlichen Kurzsichtigkeit, die in den gegenwärtig dominierenden kapitalistischen Institutionen verankert ist (Hardin 1968, 2009). Zusammengenommen erklären diese Erkenntnisse, warum wachstumsorientierte Systeme ökologische Zukünfte systematisch abwerten und warum eine grundlegende Neukalibrierung der Abzinsungspraxis ökonomisches Denken mit ökologischer Verantwortung in Einklang bringen könnten.

Existieren Waldleistungen in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung?

Die moderne Ökosystemforschung unterscheidet vier übergeordnete Klassen von Leistungen, die Wälder erbringen: Versorgungsleistungen (z.B. nicht holzbasierte Nahrungsmittel, Fasern, Süsswasser), Regulierungsleistungen (z.B. Hochwasserminderung, Kohlenstoffbindung, Steuerung des Mikroklimas), kulturelle Leistungen (z.B. Erholung, spirituelle Inspiration, kulturelles Erbe) sowie unterstützende Leistungen (z.B. Primärproduktion, Nährstoffkreisläufe, Bodenbildung), die die ökologische Grundlage für alle anderen Leistungskategorien bilden (Díaz et al 2018).

Diese Typologie hat sich seit dem «Millennium Ecosystem Assessment» als Standard etabliert und wurde in empirischen Synthesen weiter präzisiert (MEA 2005). Hervorgehoben wurde dabei, dass ein einzelner Wald meist mehrere dieser Leistungen gleichzeitig bereitstellt.

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung sowie die meisten unternehmensbezogenen Buchführungssysteme erfassen ausschliesslich marktpreisbewertete Güter und Leistungen. Ökosystemfunktionen und -dienstleistungen, für die keine beobachtbaren Marktpreise existieren, werden systematisch ausgeblendet. Konzeptionell erscheinen diese Leistungen lediglich als «Externalitäten», also als residuale Korrektur zur Produktionsfunktion. Boyd und Banzhaf zeigten, dass Umweltleistungen für politische Entscheidungsträger unsichtbar bleiben, solange keine standardisierten und politisch relevanten Einheiten für finale Ökosystemgüter entwickelt werden (Boyd & Banzhaf 2007). Selbst wenn versucht wird, den ökonomischen Wert solcher Leistungen zu beziffern, bleiben insbesondere Nichtnutzungswerte wie Options-, Existenz- und Vermächtniswerte schwer erfassbar. Sie basieren auf zukunftsgerichteten oder altruistischen Präferenzen, die sich kaum durch beobachtbares Verhalten offenbaren lassen. Eine Untersuchung von Nunes & van den Bergh (2001) ergab, dass weniger als zehn  Prozent der Studien zur Bewertung der Biodiversität derartige passive Nutzwerte adäquat erfassen können. Das führt zur systematischen Unterschätzung des gesamtwirtschaftlichen Wertes (Campos et al 2019).

Auf makroökonomischer Ebene werden Ökosystemgüter im Rahmen des System of National Accounts (SNA) weiterhin als Vorleistungen behandelt. Vergleichende Analysen zwischen SNA-konformer BIP-Erfassung und erweiterten umweltökonomischen Gesamtrechnungen im Stil des System of Environmental-Economic Accounting (SEEA, System der umweltökonomischen Gesamtrechnung) zeigen, dass durch die Kapitalisierung von Waldleistungen erhebliche Lücken («missing wealth») in der konventionellen Wohlstandsmessung sichtbar werden (Campos et al 2019).

Brücke zwischen Ökologie und Ökonomie: Risiko und Diversität

Das Mittel-Varianz-Modell von Harry Markowitz zeigt, dass die Kombination von Vermögenswerten mit nicht perfekt korrelierten Renditen die erwartete Rendite bei einem gegebenen Risikoniveau erhöhen kann (Markowitz 1952). Diese Erkenntnis bildet eine konzeptionelle Brücke zwischen Ökonomie und Ökologie. Auch in der Forstwissenschaft wurde dieses Prinzip aufgegriffen: Forschende haben es auf Artenmischungen, Umtriebszeiten und Produktportfolios übertragen. Dabei zeigt sich, dass nicht der durchschnittliche Holzertrag allein, sondern insbesondere die Kovarianz zwischen den Erträgen die ökonomisch optimale Diversität auf Bestandsebene bestimmt. Folglich kann eine höhere Diversität auf Bestandsebene – insbesondere die Biodiversität – das Risiko-Rendite-Profil forstlicher Bewirtschaftungsstrategien systematisch verbessern.

Risiko – vom Weltklimarat (IPCC) definiert als «das Potenzial nachteiliger Folgen für [...] ökologische Systeme» – spielt eine zentrale Rolle bei der Bewertung ökonomisch optimaler Diversitätsgrade. Die Definition ist zweidimensional: Sie kombiniert die Eintrittswahrscheinlichkeit schädlicher Ereignisse mit dem Ausmass der erwarteten Verluste, wobei beide Dimensionen durch die Exponiertheit und Verletzlichkeit des betrachteten Systems – etwa eines Waldes – vermittelt werden.

Dieses Rahmenkonzept stellt biophysikalische, ökonomische und soziale Werte auf eine gemeinsame konzeptionelle Grundlage und schafft eine einheitliche Sprache zur Integration von ökologischer Resilienz und finanzieller Leistungsfähigkeit (Alegría et al 2024).

Monte-Carlo-Simulation zur Bewertung ökologischer und finanzieller Risiken

Sobald verschiedene Managementportfolios – also Kombinationen von Baumarten, Umtriebszeiten, Produktkategorien usw. – definiert sind, stellt die Monte-Carlo-(MC-)Simulation das Standardverfahren zur Quantifizierung interagierender Unsicherheiten dar. Dazu zählen biologische Risiken (z. B. Windwurf, Feuer, Schädlingsbefall), Marktrisiken (z. B. Preisvolatilität) sowie politische Unsicherheiten (z. B. CO2-Preisentwicklung).

MC-Simulationen liefern vollständige Wahrscheinlichkeitsverteilungen ökonomischer Resultate und ermöglichen die Berechnung entscheidungsrelevanter Kennzahlen wie Standardabweichung, «conditional value at risk» (CVaR) oder Downside Beta. Werden diese Verteilungen im Mittel-Varianz-Raum visualisiert, zeigt sich, dass ökologisch diversifizierte Portfolios regelmässig auf der Effizienzgrenze liegen – Abhängig von Modellannahmen, Inputdaten, Bewertungszeitraum und Risikoaversion. Dies ist ein ökonomisch rigoroses Argument für Biodiversität, strukturelle Komplexität und Zahlungen für Ökosystemleistungen unter Bedingungen struktureller Unsicherheit.

Da diese Resultate in finanzökonomischen Kennzahlen – etwa Standardabweichung, CVaR oder Downside Beta – dargestellt werden, sind sie direkt anschlussfähig für Investoren, Politikberaterinnen und Forstpraktiker, die Rentabilität mit Sicherheitsmargen abwägen müssen (Hyytiäinen & Haight 2010).

Schlussfolgerung

Die verbreitete Annahme, dass ökologische Integrität und wirtschaftlicher Wohlstand unvereinbar seien, beruht auf Bewertungsmodellen, die Wachstum priorisieren und langfristige Umweltfolgen weitgehend ausblenden. Klassische und neoklassische Ansätze erheben das BIP zum zentralen Erfolgsmassstab, behandeln Ökosystemleistungen als externe Effekte und diskontieren ihren zukünftigen Nutzen fast vollständig.

Die verbreitete Annahme, dass ökologische Integrität und wirtschaftlicher Wohlstand unvereinbar seien, beruht auf Bewertungsmodellen, die Wachstum priorisieren und langfristige Umweltfolgen weitgehend ausblenden.

Verena C. Griess

Demgegenüber zeigen Portfoliotheorie und MC-Analyse, dass Wälder als diversifizierte Vermögenswerte modelliert werden können. Werden stochastische Störungen berücksichtigt, befinden sich strukturreiche Mischwälder und vielfältige Ökosystemleistungen regelmässig auf der risikoeffizienten Grenze und liefern überlegene Erträge pro Risikoeinheit. Kennzahlen wie Standardabweichung, CVaR und Downside Beta machen diese Eigenschaften für Investorinnen, politische Entscheidungsträger und Waldbewirtschaftende unmittelbar greifbar.

Die explizite Risikoanalyse überwindet damit die scheinbare Kluft zwischen Ökonomie und Ökologie: Der Erhalt und die Diversifizierung von Waldökosystemen erscheinen nicht als moralischer Imperativ, sondern als ökonomisch sinnvolle Strategie für langfristigen Wohlstand. Indem sie oíkos als Einheit von Studium und Verwaltung neu interpretiert, schafft diese Perspektive eine quantifizierbare Grundlage für eine Wirtschaftspolitik, die ökologische Grenzen achtet und menschliches Wohlergehen sichert.

Verena Griess

Schweiz Z Forstwesen 176 (5): 296-298.

  • Alegría A, Poloczanska E, Loeschke S, Mintenbeck K, Poertner H (2024)

    Towards an IPCC Atlas for comprehensive climate change risk assessments. npj Clim Action 3: 108. doi:https://doi.org/10.1038/s44168-024-00193-3

  • Costanza R, d'Arge R, de Groot R, Farber S, Grasso M et al. (1997)

    The value of the world's ecosystem services and natural capital. Nature 387: 253–260. doi:https://doi.org/10.1038/387253a0

  • Helmer D (2024)

    Nachhaltige Marktwirtschaft Grundlagen für eine Theorie der Nachhaltigkeit. Berlin: epubli. 240 p.

  • Markowitz H (2005)

    Ecosystems and Human Well-being: Synthesis. Washington, DC: Island Press. 155 p. ISBN 1-59726-040-1.

Naturnahe, widerstandsfähige, störungsangepasste Wälder

Der Workshop des Integrate-Netzwerks Increasing biodiversity to promote adaptation and resilience of European forests by using close-to-nature forestry (Steigerung der Biodiversität zur Förderung der Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit europäischer Wälder durch naturnahe Waldbewirtschaftung) fand vom 2. bis 4. Juni 2025 in Zürich statt. Die Teilnehmenden bildeten sich einen Überblick über die Anwendung naturnaher Waldbewirtschaftung in der Schweiz und darüber hinaus und diskutierten forstwirtschaftliche Konzepte, die Wälder widerstandsfähiger gegenüber zukünftigen Störungen und extremen Wetterereignissen machen können. Im Fokus standen das Wissen über integrative Waldbewirtschaftung und der Austausch in professionellen Netzwerken über bewährte Verfahren, naturnahe Waldbewirtschaftung und andere verwandte Konzepte als Antwort auf neue Herausforderungen durch den Klimawandel und den Verlust der biologischen Vielfalt. Die Zusammenhänge des Schweizer Kontexts mit EU-Politiken wie der Europäischen Biodiversitäts- und Waldstrategie oder das EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur hoben die politischen Rahmenbedingungen hervor.

Der Workshop zielte darauf ab, verschiedene Netzwerke wie das Integrate Network, NFZ.forestnet, SwissForestLab sowie verschiedene EU-finanzierte Projekte wie TRANSFORMIT, FORWARDS, Wildcard, Richforests, INFORMA und SUPERB zusammenzubringen. Exkursionen und eine Übung in einem Schweizer Marteloskop ergänzten den theoretischen Teil.

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