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Gesundheit im Wald: Einbezug von Erkenntnissen aus der Forstwissenschaft
01.09.2025
Wissen
Abstract
Wälder haben positive Wirkung auf das Wohlbefinden von Menschen. Die Gesundheitsforschung konnte psychische und physiologische Effekte von Wäldern nachweisen. Allerdings sind die Ergebnisse nicht immer schlüssig. In den Untersuchungen werden die herangezogenen Waldumgebungen kaum berichtetet. «Wald» geht als generische Kategorie in die Untersuchungen ein. Dies erscheint vor dem Hintergrund der Komplexität und Anzahl von Waldstrukturen und -typen als eine reduktionistische Sichtweise. Ausgehend von einer zu grossen Teilen forsthistorischen Betrachtungsweise der Forschung zu «Waldbaden» leistet der vorliegende Artikel Beiträge dazu, waldbauliche Perspektiven stärker in die interdisziplinäre Forschung zu den gesundheitlichen Effekten von Wald und entsprechenden praktischen Angeboten integrieren zu können.
Keywords: recreation, health, forestry, history, interdisciplinarity
Schweiz Z Forstwesen 176 (5): 262–269.https://doi.org/10.3188/szf.2025.0262
* Schadenweilerhof, D-72108 Rottenburg a. N., E-Mail: bachinger@hs-rottenburg.de
Es ist bekannt, dass Waldaufenthalte positive Effekte auf das Wohlbefinden von Menschen haben können. Im Zuge dessen sind in zahlreichen Ländern Erholungs- und Gesundheitsangebote im Wald entstanden, darunter Ansätze der Waldtherapie und des Waldbades (Föhn 2022). Auch die gesundheitsbezogene Forschung befasst sich zunehmend mit der Wirkung von Wald auf Menschen. Sehr überwiegend werden dabei psychische Effekte in den Fokus gerückt und die allgemeine Entspannungswirkung von Wäldern, aber auch die Linderung von Depression, Angst oder Erschöpfungszuständen betrachtet (Doimo et al 2020). Aus physiologischer Sicht hingegen steht die Wirkung von Wald auf das vegetative Nervensystem, den Blutdruck und die Herzfrequenz im Mittelpunkt. Die Mehrheit der Studien berichtet positive Effekte von Wäldern (Gobster et al 2022). Nicht immer sind die gemessenen Effekte aber belastbar (Stier-Jarmer et al 2021).
Kaum eine nennenswerte Anzahl an Studien aus der Gesundheitsforschung berichtet über die Waldumgebung, in denen die Untersuchungen stattfanden. Angesichts der Vielfalt von Waldtypen erscheint dies stark vereinfachend. Der vorliegende Artikel möchte dazu anregen, waldbauliche und forstliche Perspektiven stärker in die Gesundheitsforschung im Wald zu integrieren. Dazu richtet er zunächst den Blick in die Vergangenheit und beleuchtet, welche Erkenntnisse es schwerpunktmässig aus den Forstwissenschaften zur Wirkung von Wäldern in den Anfängen von «Waldbaden» gab. In einem zweiten Teil wird der Frage nachgegangen, welche Erklärungsbeiträge hinsichtlich der Wirkweise von Wäldern auf den Menschen heute vorliegen, um drittens mögliche waldbauliche Beiträge zu Erholungs- und Gesundheitsangeboten im Wald zu diskutieren.
Historische Perspektiven auf die gesundheitliche Wirkung von Wald
Bereits um die Jahrhundertwende wurde die gesundheitsfördernde Wirkung von Wäldern als wissenschaftlich belegt angesehen. Waldaufenthalte wurden gezielt als Therapieform zur Anwendung gebracht. Frühe Formen des Shinrin-yoku oder Waldbadens, dessen Ursprung heute nach Japan verortet wird, gab es bereits Anfang des vergangenen Jahrhunderts in Mitteleuropa.
So wurde ausgehend von Max von Pettenkofer, Professor für Hygiene der Universität München, und Ernst Ebermayer, ebenfalls Universität München, bereits in den 1870er- und 1880er-Jahren die «hygienische und sanitäre» Wohlfahrtswirkung von Wäldern diskutiert. Pettenkofer stellte durch Beobachtungen in Indien fest, dass einige von Wäldern umgebene Ortschaften von Cholera weitestgehend verschont blieben (Pettenkofer 1871). Ebermayer schrieb der Waldluft und dem Waldboden eine sanitäre Wirkung zu (Ebermayer 1885). Darüber hinaus erkannten Hefti (1911) und Endres zu Beginn des 20. Jahrhunderts die «belebende Einwirkung auf das Seelen- und Gemütsleben des Menschen» (Endres 1905).
In Österreich wurde die gesundheitsförderliche Wirkung von Wald durch Lorenz-Liburnau (1889) oder in der Schweiz durch Fankhauser (1885) diskutiert. Fankhauser führt das Beispiel von Eukalyptuspflanzungen in Italien aus (Anonymus 1881). Dort hatten es Trappistenmönche geschafft, durch grossflächige Anpflanzungen eine für Fieberkrankheiten bekannte Gegend nahezu vom Fieber zu befreien. Für Japan war es der Forstwissenschaftler Seiroku Honda, der die Arbeit Ebermayers und vor allem die vermeintlich positive Wirkung des Ozongehalts der Luft im Wald rezipierte (Honda 1886, End & Hein, 2023). Auch Kawase (1903) zitierte Ebermayer aus dessen Beitrag in der «Allgemeinen Forst- und Jagdzeitung» 1890. Zuvor hatte Nakamura, der zwischen 1881 und 1882 in München promovierte, in der Monatsschrift des japanischen Forstvereins auf die Gefahren der Abholzung hingewiesen, die sich auf die Hygiene in den Städten negativ auswirke (Nakamura 1883).
Der medizinische Effekt von Wäldern galt lange Zeit als unumstritten, allerdings war die Ursache dafür unklar: Zum einen wurde dem Ozon in Wäldern eine gesundheitsfördernde Wirkung zugesprochen (Ebermayer 1873). Diese Annahme galt spätestens zur Jahrhundertwende als widerlegt. Geyer (1879) bezeichnete dies recht früh als Fabel und sah die heilsame Wirkung vielmehr in der «öfteren Bewegung in der freien Luft und der damit verbundenen geistigen Zerstreuung» (Geyer 1879). Zum anderen wurde dem vermeintlich höheren Sauerstoffgehalt der Waldluft eine positive Wirkung zugesprochen. Ebermayer konnte dies allerdings als unzutreffend widerlegen. Vielmehr schrieb er den positiven Effekt dem Reinheitsgrad der Waldluft sowie einer höheren Feuchtigkeit der Luft als in Städten zu (Ebermayer 1885 und 1886).
Dass sich die positive Wirkung der Wälder als therapeutisches Mittel durchgesetzt hatte, lässt sich an der wachsenden Anzahl von Waldsanatorien um 1900 erkennen, die für Leiden wie Blutarmut, Rheuma oder Überarbeitung empfohlen wurden (MNN 1903). Neben den Waldsanatorien entstanden ab den frühen 1900er-Jahren sogenannte Waldschulen (später auch Freiluftschulen), die neben dem pädagogischen vor allem auch einen therapeutischen Ansatz verfolgten (Abbildung 1). Die erste Waldschule entstand 1904 in Charlottenburg (Berlin) mit dem Ziel, kränklichen Kindern aus einkommensschwachen Haushalten eine schulische Ausbildung unter gesundheitsförderlichen Bedingungen zu bieten (Neufert 1906). 1907 wurde nach diesem Vorbild die erste «open-air school» in London errichtet, die bereits nach der ersten Saison ähnliche Erfolge aufweisen konnte (Ayres 1910).
Aktueller Wissensstand zur Wirkweise von Wäldern auf Menschen
Auch heute gilt noch als weitgehend nachgewiesen, dass sich Aufenthalte in Wäldern positiv auf das menschliche Wohlbefinden auswirken. Die Erklärung, warum Wald positive Effekte auf Menschen ausübt, ist jedoch auch heute noch nicht abschliessend geleistet. So merken Rodríguez-Redondo et al (2023, S. 1250) an: «There is still no theoretical development of the processes and mechanisms of change that contribute to the therapeutic results.» Ähnlich wie vor 150 Jahren spielen sowohl die Eigenschaften von Wald, beispielsweise hinsichtlich der Art, Anzahl und Konzentration von Terpenen (siehe Fankhauser und Anonymus zu den Eukalyptuspflanzungen in Italien), als auch menschliche Aktivitäten sowie damit verbundene Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse eine Rolle, wie bereits von Geyer angesprochen («geistige Zerstreuung») (Doimo et al 2020).
Hinsichtlich der Terpene ist bekannt, dass sie von einer Vielzahl an Pflanzen und Bäumen produziert werden. Weltweit wurden rund 40000 verschiedene Terpenverbindungen identifiziert (Cho et al 2017). Viele davon sind medizinisch wirksam. Man geht von einer antikanzerogenen Wirkung sowie von antimikrobiellen, antiviralen, entzündungshemmenden und schmerzmindernden Funktionen aus (Xavier et al 2023). Allerdings erkennen Xavier et al (2023, S. 139) grossen Forschungsbedarf: «There is still a long way between the characterisation and isolation of terpenes and their extraction and application on an industrial scale.»
Für die psychische Erholungswirkung von Wald ist wahrscheinlich, dass sie mehrere Phasen durchschreitet (Oh et al 2020). Dabei kommt der sinnlichen Stimulation im Rahmen der Waldaufenthalte eine hohe Bedeutung zu (Abbildung 2). Der über die Sinne vermittelte Kontakt mit dem Wald ermöglicht es den Waldbesuchenden, die Fähigkeit zum Empfinden zu aktivieren (Jordan 2015). Was die einzelnen Sinne jedoch zur psychischen Erholung leisten, ist weitgehend unerforscht (Doimo et al 2020). Einige Studien weisen nach, dass bereits das Betrachten von Natur auf Fotografien oder durch das Fenster wohltuende Wirkung hat (Wang et al 2022). Kardan et al (2015) diskutieren Formen und Farben in der Natur, die einen entspannenden Effekt aufweisen. Weit weniger häufig werden die Geräusche des Waldes untersucht (Hong et al 2022). Einige wenige Studien beschäftigen sich mit dem Tastsinn (Ikei et al 2018).
Es kann somit festgehalten werden, dass die Erkenntnisse zu den Mechanismen über die Wälder auf Menschen wirken, auch rund 150 Jahre nach den ersten Ursprüngen von Waldbaden noch lückenhaft sind. Einerseits fehlt Forschung zu standardisierten Abläufen von Gesundheitsangeboten im Wald. Diese wäre aber notwendig, um genauer herausfinden zu können, welche Interventionen welchem Zielpublikum dienen (Gobster et al 2022). Andererseits erscheinen aus Sicht der Forstwissenschaften die Ansätze zur Untersuchung der Wirkweisen von Wald angesichts der Vielfalt von Wäldern als eine eher reduktionistische Vorstellung von «Wald»: Bekannte ökosystemare Unterschiede von Wäldern sowie die Vielfalt der Waldbewirtschaftungen werden nur wenig berücksichtigt, dies weder in Versuchsanordnungen noch bei Empfehlungen zur therapeutischen Intervention (Ausnahmen z.B. Takayama et al 2017, Choi et al 2021, Dodev et al 2021).
Waldbauliche Überlegungen zur gesundheitlichen Wirkung von Wäldern
Differenzierende Bewertungen von Wäldern in Hinblick auf deren gesundheitliche Wirkung, z.B. nach biogeografischen Grossräumen (Biomen) oder nach pflanzensoziologischen Waldgesellschaften (z.B. Ellenberg & Leuschner 2010) wie sie beispielsweise für das europaweite Schutzgebietssystem Natura 2000 verwendet werden, sind bislang nicht vorhanden. Allenfalls werden Laub- den Nadelwäldern gegenübergestellt (z.B. Liu et al 2021), was angesichts der verfügbaren, detaillierten waldökologischen Informationen als eine grobe Differenzierung erscheint (Abbildung 3).
Zwar geben Gobster et al (2022) an, dass in 19.1% der Arbeiten zu Waldtherapie die Unterschiedlichkeit von Wäldern zum Gegenstand der Untersuchung gemacht wird, jedoch findet für europäische Wälder kaum eine forstwirtschaftlich übliche Kategorisierung von Bewirtschaftungsformen statt (Doimo et al 2020). Dies ist der Fall, obwohl die anthropogene Steuerung des Waldes sehr unterschiedliche Waldaufbauformen und Baumartendynamiken hervorgebracht hat und daher trotz gleicher Ausgangslage ganz unterschiedliche Sinneseindrücke entstehen können: z.B. Eindrücke im Altersklassenwald vs. Dauerwald/Plenterwald, Hochwald vs. Mittelwald/Niederwald usw. sowie insbesondere durch unterschiedliche Baumartenanteile auf Bestandes- oder Landschaftsebene.
Die forstwissenschaftliche Betrachtung von Wäldern ist zudem nicht nur statischer Art, sondern beinhaltet dynamische Aspekte (Bartsch et al 2020): z.B. kann sich in kurzer zeitlicher Frist ein hiebsreifer Wald aus altersklassenweiser Bewirtschaftung per Kahlschlag in eine baumfreie Fläche verändern lassen. Mittelfristig wirksame Dynamiken wie der in Europa vielerorts relevante Umbau von Fichten-betonten Altersklassenwäldern in strukturierte Mischwälder (Spiecker 2004) oder die für die Biodiversität wichtigen Störungsdynamiken (Wohlgemuth et al 2019) finden ebenso keine Beachtung in der Forschung zu Erholungs- und Gesundheitsangeboten im Wald. Ebenso werden die intensiven Konkurrenzprozesse mit Mortalitäten (z.B. Kulha et al 2023) der unterlegenen Individuen bislang ausgeblendet. Die Frage «Do species matter?» (Schraml & Volz 2009) spielt nur eine untergeordnete Rolle.
Solche Verkürzungen sind umso erstaunlicher, als bereits frühe forstwissenschaftliche Untersuchungen sich mit der psychosozialen Waldwirkung befassen. Beispielswiese differenzierte von Salisch (1911) in seinem in den Forstwissenschaften intensiv rezipierten Werk zur Waldästhetik unterschiedliche Waldlandschaften bezüglich ihrer Wirkungen. Kürzlich betonte Bell (2010) für die sogenannten Edellaubbäume, dass entsprechende (Wald-)Landschaften aus kulturübergreifender Perspektive als erholsam empfunden werden. Diese Aussagen finden Unterstützung in der Forschung zu landschaftlichen Präferenzen von Waldbesuchenden aus der Landschaftsplanung und der Landschaftsarchitektur (Ebenberger & Arnberger 2019).
Hinsichtlich der für Erholung förderlichen Strukturen merkt Bell (2010) aus Sicht der Forstwirtschaft an, dass Umgebungen Kriterien erfüllen wie «intuitiv erschliessbarer», «Sinn ergebender Zusammenhang», «geheimnisvoll-abenteuerliche Uneinsichtigkeiten», die sich erst auf den zweiten Blick oder beim körperlichen Erkunden erschliessen. Zudem muss sich der Eindruck einer gewissen Komplexität ergeben, d.h., vielfältige Strukturen verhindern eine zu einfache Lesbarkeit von Wald. Die Aussagen korrespondieren mit Ergebnissen der Umweltpsychologie, z.B. mit der Attention-Restoration-Theorie von Kaplan & Kaplan (1989) oder den Tourismuswissenschaften («recreationist-environment fit», Tsaur et al 2014). Die Forschung zu Ökosystemleistungen stellt sich die Frage, welche Beiträge die Biodiversität zur menschlichen Gesundheit leistet (Marselle et al 2021). Zudem werden explizit ästhetische Nutzen von Natur diskutiert (Cooper et al 2016). Auf Basis von Daten aus Waldinventuren, ökologischen Modellen, Informationen zu Landnutzung und sozioökonomischen Statistiken prognostizieren Roces-Díaz et al (2018) die räumliche Verteilung von kulturellen Ökosystemleistungen in Wäldern.
Des Weiteren finden kulturelle und subjektive Einflussgeber auf die Erholungswirkung von Wald Widerhall in der forstwirtschaftlichen Diskussion: So zeigen Schraml & Volz (2010), dass die meisten Menschen den Wald, in dem sie sich häufig aufgehalten haben, als wohltuend empfinden. Dies trifft auch auf den Wald zu, in dem Menschen die Kindheit und Jugend verbracht haben (Manzo 2003). Und dies, obwohl z.B. ein Fichtenforst ausserhalb seines natürlichen Verbreitungsgebietes im Vergleich zu einem Waldmeister-Buchenwald ein eindeutig verarmtes und naturfernes Ökosystem darstellt. Menschen entwickeln insofern Bindungen zu Orten, auch wenn sie ökologisch nicht besonders reichhaltig sind. Ortsverbundenheit («place attachment») wiederum fördert die Erholung (Basu et al 2020). Dies betont die individuelle, subjektive, aber auch einstellungsabhängige Seite von Erholungsprozessen im Wald (Kearny & Bradly 2011), aber auch den Umstand, dass erholsame Landschaft nicht objektiv bestimmt werden kann, sondern das Ergebnis kultureller Verhandlung und sozialer Konstruktion ist (Kühne 2021).
Angesichts der zahlreichen Schnittmengen mit Forschung aus anderen Disziplinen fehlen bei der medizinisch-gesundheitsbezogenen Forschung zur Wirkung von Wald häufig interdisziplinäre Forschungsansätze. Wie bereits von Doimo et al (2020) festgehalten, gilt dies insbesondere für Erkenntnisse aus den Forstwissenschaften. Auch Gobster et al (2022) zeigten in einer quantitativen Textanalyse der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu Gesundheitsangeboten im Wald, dass 16.9% (bzw. 27.2%) der Publikationen keine (bzw. nur sehr kurze) Beschreibungen von «Wald» in ihren experimentellen Settings zur Verfügung stellten. Folglich können einerseits waldtherapeutische und andererseits waldfachliche Begrifflichkeiten, Betrachtungsweisen und Klassifikationen nur sehr schwach in einen befruchtenden interdisziplinären Austausch treten.
In der Konsequenz werden von Gesundheitsanbietern womöglich nur nächstgelegene Wälder ohne Prüfung der Passung des Orts für waldbasierte Interventionen genutzt. Dies verhindert die zielgerichtete Auswahl geeigneter räumlicher Skalenebenen, d.h. von Waldlandschaften, Waldbeständen oder Einzelbäumen, mit denen gewünschte therapeutische Effekte zu erreichen sind. Dies gilt in gleicher Weise für zeitliche Bezüge: Waldrelevante Prozesse auf z.B. Tages- oder Jahreszeitenebene mit unterschiedlicher auditiver (z.B. Vogelgesang, Stille), visueller (z.B. Helligkeiten, Farbspektrum), taktiler (z.B. beschuht, bekleidet), olfaktorischer (z.B. VOC-Gehalte von Kiefernwäldern entlang eines Tagesgradienten) Wirkungsdynamik können daher in ihren Gesundheitswirkungen kaum gewinnbringend eingesetzt werden (Ausnahmen bei Bielinis et al 2021, Petervalfi et al 2021 zu Waldbaden im Winter).
Aus der waldprofessionellen Betrachtungsweise erscheinen daher bestehende wissenschaftliche Ansätze und praktische Umsetzungen zu Erholungs- und Gesundheitsangeboten im Wald als simplifizierend. Als Beitrag für auch stärker forstwissenschaftsbasierte Gesundheitsangebote im Wald sollten daher waldprofessionelle Informationen an die Gesundheitsanbieter weitergegeben werden, um die bestehende Diversität von Wald und Bewirtschaftung kennenzulernen und als Waldökosystemdienstleistung in Betracht zu ziehen.
Trotz der offensichtlichen Lücken kann eine erste Übersicht zu Waldstrukturmerkmalen und Waldtypen inkl. möglicher Bewirtschaftungen gegeben werden (Tabelle 1). Hier werden forstwirtschaftliche Begrifflichkeiten und Denkweisen aufgriffen und zugleich für eine gesundheitsfördernde oder therapeutische Betrachtungsweise zur Verfügung gestellt. Diese können einzeln oder in Kombination angewandt und durch gezielte forstlich-waldbauliche Pflegemassnahmen optimiert werden.
Fazit
Erholungs- und Gesundheitsangebote im Wald wie z.B. Waldbaden und Waldtherapie haben in den vergangenen Jahren an Sichtbarkeit gewonnen. Die Forschung zu den gesundheitlichen Effekten von Wäldern ist zahlreicher geworden. Historisch betrachtet ist es nicht nur die japanische Tradition des Shinrin-yoku, sondern die Diskussion um wohltuende Effekte von Wald gab es früh in Europa, geführt auch in den Forstwissenschaften. Dabei standen damals schon die Effekte auf die Psyche von Wäldern im Vordergrund: Diese galten als positiv für das menschliche Seelen- und Gemütsleben. Aber auch die physiologischen Wirkungen auf Basis von Terpenen, damals beobachtet über die Wirkung von Eukalyptuspflanzungen, spielten eine Rolle.
Wie Wälder auf das Wohlbefinden von Menschen wirken, wird auch heute noch beforscht. Viele Ergebnisse sind widersprüchlich, oder ihre Aussagekraft ist durch methodische Schwächen begrenzt, sei es in Hinblick auf die Wirkung einzelner Terpene oder Terpenverbindungen, sei es bei der Bedeutung verschiedener Sinne für Erholungsprozesse. Dabei fällt auf, dass forstliche und waldbauliche Expertise in gesundheitsbezogenen Studien kaum integriert ist. Eine Berücksichtigung der äusserst unterschiedlichen Waldumgebungen in den Studiendesigns erfolgt kaum. Dabei ist aus der Forstwirtschaft, aber auch der Umweltpsychologie, Landschaftsplanung oder Tourismuswissenschaft bekannt, dass Waldcharakteristika Erholungsprozesse mitbeeinflussen. Für den Fortschritt der Gesundheitsforschung zur Wirkung von Wäldern, wäre es daher förderlich, das Forschungsfeld stärker interdisziplinär aufzustellen und die Forstwirtschaften zu integrieren. So würde der Wald nicht mehr vereinfacht bzw. als generische Kategorie ins Untersuchungsdesign eingehen. Die Unterscheidung spezifischer Waldtypen, Massstabsebenen (Gebiet, Bestand, Einzelbaum) oder zeitlicher Kategorien (Jahreszeiten) könnte dazu beitragen, aussagekräftigere Ergebnisse zur Wirkung von Wald auf Menschen zu erzielen. Dafür legt der vorliegende Beitrag erste Ansätze vor. Dies gilt auch unter Berücksichtigung des Umstands, dass Menschen Wälder kulturell verhandeln und individuell und subjektiv erleben.
Eingereicht: 12. Januar 2024, akzeptiert (mit Review): 16. April 2025
Dank
An das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg (MWK-BW, Deutschland) und das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL, Deutschland) für die Realisation dieser forstlichen Forschung, die u.a. auf Erfahrungen aus den Projekten «KoWald 1+2» (MWK-BW) sowie «3Pfeile» (BMEL) beruht.
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