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Der Wald: Retter in der Not oder selbst in der Not?
Am Runden Waldtisch der Arbeitsgemeinschaft für den Wald vom vergangenen September diskutierten Waldfachleute über die CO2-Senkenleistung des Schweizer Waldes. Einigkeit herrschte darüber, dass der Verkauf von CO2-Zertifikaten zeitlich limitiert sein muss. Eine langfristige Lösung: die Kaskadennutzung von Holz.
01.11.2025
Runder Waldtisch AfW
Der Verkauf von CO2-Zertifikaten im Wald wird zurzeit kontrovers diskutiert. In einem Positionspapier stellte der Verbund Waldbau Schweiz mit zwölf Forschenden im April 2025 fest, dass «bei vielen aktuell angebotenen Zertifikaten aus CO2-Senkenprojekten im Schweizer Wald die von der EU vorgeschlagenen QU.A.L.ITY-Merkmale weitgehend nicht erfüllt» seien (Positionspapier «CO2-Zertifikate im Schweizer Wald»). Daraufhin konterte der Verein Wald-Klimaschutz Schweiz (WKSS): «Wir arbeiten an einer modernen, wissenschaftsbasierten Methodik, die genau jene Kritikpunkte aufgreift, die der Verbund Waldbau Schweiz anspricht.» (Stellungnahme WKSS) Diese Kontroverse war Anlass für den Runden Waldtisch der Arbeitsgemeinschaft für den Wald am 11. September 2025 in Münchenstein (BL).
Die Kaskadennutzung von Holz ist die nachhaltigere und risikoärmere Möglichkeit, auf die wir fokussieren sollten.
Harald Bugmann (ETH Zürich) erwartet, dass der Klimawandel in den nächsten 20 bis 30 Jahren im Wald so richtig durchschlägt. Neben dem «schleichenden» Klimawandel würden vermehrt auch Störungen wie Stürme, Insekten oder Feuer eine wichtige Rolle spielen. Deshalb sei es fraglich, ob CO2-Zertifikate im Wald noch zielführend seien. Sein Fazit: «Langfristig wirksame CO2-Zertifikate müssen sorgfältig geplant werden und die negativen Veränderungen im C-Speicher des Waldes absorbieren können. Die Kaskadennutzung von Holz ist die nachhaltigere und risikoärmere Möglichkeit, auf die wir fokussieren sollten.»
Einen Überblick über Veränderungen des Holzvorrats im Wald gab Esther Thürig (WSL). Zurzeit würden die Daten des Landesforstinventars im Jura und im Mittelland eine Abnahme des Holzvorrats zeigen, hauptsächlich bei der Buche und der Fichte. In anderen Regionen sehe man immer noch eine Zunahme. Karsten Dunger (Thünen Institut für Waldökosysteme) erläuterte aktuelle Daten der Waldinventur Deutschlands und kam zum Schluss, dass der vorgesehene Beitrag der Wälder zu den Klimaschutzzielen nicht erreichbar sein werde.
Christian Rosset (Berner Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften BFH-HAFL) erläuterte, wie mit waldbaulichen Massnahmen zur Klimaanpassung und -mitigation der Wälder beigetragen werden kann. Es gehe um das richtige Timing im Wald, um kürzere Umtriebszeiten, gezielte Verjüngungshiebe, die Baumartenwahl und weitere Faktoren. Clémence Dirac (Bundesamt für Umwelt, BAFU) sagte, dass die Klimaleistungen von Wald und Holz als Ganzes zu betrachten seien. Es brauche eine proaktive und situative Anpassung des Waldes und der Waldbewirtschaftung sowie die Förderung der materiellen Holzverwendung, der Kaskadennutzung und der Holzverarbeitung (vgl. Rogiers et al, in diesem Heft, S. 320).
Wir arbeiten an einer modernen, wissenschaftsbasierten Methodik, die genau jene Kritikpunkte aufgreift, die der Verbund Waldbau Schweiz anspricht.
Frank Ehrsam und Raphael Häner (WKSS) reagierten auf die Kritik, wonach CO2-Zertifikate fragwürdig seien. Der Verein, der 2019 mit Unterstützung des BAFU gegründet wurde, ist als eines der wenigen anerkannten Wald-Klimaschutzprojekte in der Schweiz berechtigt, CO2-Zertifikate zu verkaufen. Über 6000 Schweizer Waldeigentümer stellen ihre Senkleistung auf 13.5% der Waldfläche zur Verfügung. 17 Naturwaldreservate und 23 klimaoptimierte Bewirtschaftungssysteme seien unter der Mitwirkung vom WKSS entstanden. Die Anforderungen für CO2-Zertifikate seien hoch, betonten die Referenten. Zwingend seien Zusätzlichkeit, Glaubwürdigkeit, Umwelt- und Sozialverträglichkeit sowie Dauerhaftigkeit.
Gemeinsam referierten Paolo Camin (WaldSchweiz) und Michael Gautschi (Holzindustrie Schweiz). Für sie war klar, dass möglichst viel des nachwachsenden Holzes aus dem (unsicheren) Waldspeicher in den (sicheren) Holzspeicher verschoben werden soll. Für viele Rohholzsortimente würden aber stoffliche Einsatzgebiete fehlen. Lücken in der Verarbeitungskette seien zu schliessen, um eine Kaskadennutzung zu ermöglichen.
Unter den Teilnehmenden herrschte Einigkeit, dass der Verkauf von CO2-Zertifikaten im Wald nicht «ewig» funktionieren kann, jedoch etwas Zeit bringt auf dem Weg zum Netto-Null-Ziel. Wichtig seien die Kaskadennutzung und die materielle Holzverwendung. Auf einem Waldrundgang gingen die Diskussionen weiter, und Gastgeber Luzius Fischer (Amt für Wald und Wild beider Basel) erläuterte die spezifischen Herausforderungen in den Basler Wäldern. Ist der Wald nun Retter in der Not oder selbst in der Not? Paolo Camin von WaldSchweiz formulierte es treffend: «Der Wald wird leider nicht Retter in der Not sein. Er sequestriert zwar grosse Mengen an CO2, ist aber vielerorts bereits zur CO2-Quelle geworden.»
Brigitte Wolf
Schweiz Z Forstwes 176 (6): 340.
Schweiz Z Forstwesen 176 (6): 324–325.https://doi.org/10.3188/szf.2025.0324
Schweiz Z Forstwesen 176 (6): 326–329.https://doi.org/10.3188/szf.2025.0326
Schweiz Z Forstwesen 176 (6): 320–323.https://doi.org/10.3188/szf.2025.0326