- Notizen
3S in der Praxis: Wie Wälder Klimawirkung und Wertschöpfung liefern
01.11.2025
Notiz
Die CO2@SGW-Studie des Kantons St. Gallen quantifiziert das Potenzial von Sequestrierung, Speicherung und Substitution. Urstamm setzt es mit datengestützten IFM-Projekten messbar um. Dadurch wird Klimawirkung gewährleistet und die Waldleistung der Sequestrierung und Substitution in Wert gesetzt.
Schweiz Z Forstwesen 176 (6): 324–325.https://doi.org/10.3188/szf.2025.0324
* Davidstrasse 35, CH-9001 St. Gallen, E-Mail raphael.luechinger@sg.ch
Der Klimawandel verändert den Schweizer Wald – Trockenheit, Borkenkäfer und Stürme setzen vielen Beständen zu. Gleichzeitig stehen viele Forstbetriebe wirtschaftlich unter Druck. Die Inwertsetzung von Waldleistungen könnte zusätzliche Einnahmen generieren. Die vom Kantonsforstamt St. Gallen bzw. vom zuständigen Regierungsrat initiierte Studie «CO2@SGW Möglichkeiten zur Inwertsetzung der Senkenleistungen des St. Galler Waldes» zeigt die Möglichkeiten nachhaltig bewirtschafteter Wälder im Kanton St. Gallen auf. Es wurden mehrere Varianten geprüft und bewertet. Zusätzlicher Kohlenstoff aus dem CO2 der Atmosphäre kann aufgenommen, langfristig gespeichert und in Wert gesetzt werden.
CO2-Leistung messbar machen: das 3S-Modell
Das Herzstück der Studie ist das 3S-Modell, das drei zentrale Klimaleistungen des Waldes systematisch beschreibt:
- Sequestrierung: CO2 wird in lebender Biomasse gebunden.
- Speicherung: CO2 bleibt über Jahre in Holzprodukten gespeichert.
- Substitution, stofflich und energetisch: Holz ersetzt energieintensive Baumaterialien und fossile Brennstoffe und vermindert so Emissionen.
Die Studie kommt zum Schluss, dass das grösste wirtschaftliche Potenzial für den Kanton in der zusätzlichen Sequestrierung und Speicherung in Holzprodukten liegt.
Waldklimaprojekte und die Kritik an ihnen
Waldklimaprojekte gelten als vielversprechende Instrumente im Klimaschutz. Gleichzeitig stehen sie auch in der Kritik – etwa wegen unklarer Wirksamkeit oder mangelnder Kontrolle (Toetzke 2023, Li & Zhang 2024). Die CO2@SGW-Studie nimmt diese Punkte ernst: Ausschlaggebend ist nicht, dass Zertifikate generiert werden, sondern wie. Entscheidend dabei sind eine robuste Methodik, eine externe Verifizierung und eine reale, messbare Wirkung. Nur so lässt sich Vertrauen bei Käufern, Waldbesitzenden und der Öffentlichkeit schaffen.
Kompensation ist dabei kein Freifahrtschein, sondern eine notwendige Ergänzung: Selbst bei ambitionierten Klimazielen lassen sich nicht alle Emissionen vermeiden. Der Mechanismus wurde eingeführt, um neben der Reduktion auch die Finanzierung zusätzlicher Klimaschutzmassnahmen zu sichern und durch die Kosten für Klimabeiträge den wirtschaftlichen Druck zur Emissionsminderung zu erhöhen. So erfüllt Kompensation eine doppelte Funktion: Sie gleicht unvermeidbare Emissionen aus und verstärkt den Anreiz, vermeidbare Emissionen gar nicht erst entstehen zu lassen.
Projekte im Wald gehören dabei zu den «nature-based solutions» (IUCN 2025): Sie arbeiten mit natürlichen Prozessen. Waldprojekte beruhen auf ökologischen Kreisläufen, die Kohlenstoff binden und dabei zusätzlich Lebensräume, den Wasserhaushalt, Schutzfunktionen und die Biodiversität fördern.
Klimaleistung messen statt modellieren
Im Rahmen der Studie wurden Ansätze untersucht, wie sich datengestützte Methoden wie Satelliten- und LiDAR-Technologien in der Waldbewirtschaftung einsetzen lassen, damit das Wachstum des Waldes regelmässig erfasst werden kann. Solche Verfahren ermöglichen es, die zusätzliche Sequestrierung von CO2 in zugewachsener Biomasse künftig präzise nachzuweisen. Auf diesen Grundlagen basieren erste Umsetzungsprojekte in der Schweiz, die im Bereich des «improved forest management» (IFM) einen messungsbasierten statt modellierten Ansatz verfolgen. Eine klimaorientierte Bewirtschaftung führt zu nachweisbarem CO2-Entzug aus der Atmosphäre.
Um eine hohe Qualität in Klimaprojekten zu garantieren, wurden kürzlich die QU.A.L.ITY-Kriterien in der neuen EU-Verordnung verabschiedet (Europäische Kommission 2022). Auch der Verbund Waldbau Schweiz nimmt in seinem Positionspapier «CO2-Zertifikate im Schweizer Wald» Stellung zu diesen Kriterien (Verbund Waldbau Schweiz 2025).
Die neuen IFM-Projekte orientieren sich an folgenden Richtlinien:
- Quantifizierung (quantification): Die C-Senkenleistung muss genau gemessen werden und einen eindeutigen Nutzen für das Klima bringen. Die Methodik von Urstamm basiert nicht auf hypothetischen Ansätzen, sondern auf wissenschaftlichen Messmethoden, die nur die effektive Senkenleistung ausweisen.
- Zusätzlichkeit (additionality): Die Massnahmen zur C-Speicherung müssen über die bestehenden Praktiken und die gesetzlichen Vorschriften hinausgehen. Die Zusätzlichkeit wird mit dem Vergleich der «üblichen Bewirtschaftung» dargelegt. Die Verschiebung der Nutzung (leakage) wird dadurch eingegrenzt, dass Waldbesitzende mit ihrer gesamten Waldfläche teilnehmen müssen.
- Langfristige Speicherung (long-term storage): Die Zertifikate sind an die Dauer der Kohlenstoffspeicherung gebunden, um eine dauerhafte Speicherung zu gewährleisten. Es besteht das Risiko, dass zusätzlich gespeichertes CO2 nach Ablauf der mindestens 30-jährigen Projektlaufzeit wieder freigesetzt wird. Damit gilt die Sequestrierung je nach Definition nicht als permanent – im Gegensatz zur Substitutionswirkung der Holznutzung. Urstamm definiert deshalb Massnahmen, damit Waldbesitzende das Projekt und das Ziel eines nachhaltigen Vorrats weiterverfolgen. So wird zusätzliches CO2 langfristig im Wald gebunden.
- Nachhaltigkeit (sustainability): Die Massnahmen zur Kohlenstoffabscheidung müssen Nachhaltigkeitsziele wie die Anpassung an den Klimawandel, die Kreislaufwirtschaft, die Wasserressourcen und die biologische Vielfalt erhalten oder zu ihnen beitragen. Die IFM-Projekte von Urstamm kommen dort zur Anwendung, wo ein zusätzlicher Vorratsaufbau sinnvoll ist. In Gebieten mit hohen Vorräten setzt sich Urstamm für die Nutzung des Holznutzungspotenzials ein. Weiter wird der Umbau zu klimaresistenten Wäldern gefördert und darüber hinaus die Biodiversität miteinbezogen. Das Ziel ist die nachhaltige Sicherstellung sämtlicher Waldleistungen.
Zusammengefasst sind die IFM-Projekte von Urstamm zusätzlich, dauerhaft, mess- und nachvollziehbar, vermeiden «leakage» (die Verlagerung der Emissionen) und werden unabhängig überprüft. Die Kombination aus realer Messung und externer Prüfung schafft Vertrauen – bei Waldbesitzenden wie auch bei Käuferinnen und Käufern. Zudem entsprechen die Projekte den strengen Anforderungen der International Carbon Reduction and Offset Alliance (ICROA).
Handlungsempfehlung und Ausblick
Wer den Holzvorrat seines Waldes langfristig optimieren, die Resilienz stärken und klimaorientiert wirtschaften will, sollte ein IFM-Projekt prüfen. Der Wald der Zukunft ist klimawirksam, wirtschaftlich tragfähig und digital transparent. Weder Reduktion noch Kompensation allein «retten die Welt» – gemeinsam sind sie aber ein starkes Werkzeug für Klimaschutzmassnahmen. Die vom Kantonsforstamt St. Gallen initiierte Studie bestätigt, dass geeignete Waldklimaprojekte nicht nur positive Klimawirkung haben, sondern auch die Waldleistung der Sequestrierung und Substitution in Wert setzen können. CO2-Zertifikate könnten dem St. Galler Wald erhebliche finanzielle Mittel zuführen, doch die Umsetzung ist komplex, kostenintensiv und mit Unsicherheiten verbunden. Für den Kanton selbst ist eine direkte Umsetzung nicht sinnvoll – sehr wohl aber für Branchenorganisationen, die Privatwirtschaft oder nationale Initiativen.
Literatur
Möglichkeiten zur Inwertsetzung der Senkenleistungen des St. Galler Waldes. Im Auftrag des Volkswirtschaftsdepartements des Kantons St. Gallen. unveröffentlicht
Nature-based Solutions. International Union for Conservation of Nature and Natural Resources.https://iucn.org/our-work/topic/nature-based-solutions-climate(aufgerufen am 12. September 2025)
Forest carbon offset protocols in compliance carbon markets. Forest Pol Econ 165: 103253. doi:https://doi.org/10.1016/j.forpol.2024.103253
Freiwillige Klimakompensationen werden ihren Versprechen häufig nicht gerecht. Zukunftsblog Nachhaltigkeit, ETH Zürich.https://ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2023/07/blog-freiwillige-klimakompensationen-werden-ihren-versprechen-haeufig-nicht-gerecht.html(aufgerufen am 12. September 2025)
CO2-Zertifikate im Schweizer Wald. Positionspapier.www.wsl.ch/fileadmin/user_upload/WSL/Mitarbeitende/bottero/waldbau_Positionspapier_CO2_Verbund_Waldbau_Final.pdf (aufgerufen am 12. September 2025)
Europäischer Grüner Deal: Kommission schlägt Zertifizierung der CO2-Entnahme vor, um zu Klimaneutralität beizutragen. Pressemitteilung. ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_22_7156 (aufgerufen am 7. Oktober 2025)