- Auftakt
Wird die Waldverjüngung zur Hauptaufgabe der Waldbewirtschaftung?
25.02.2026
Schwerpunkt
Im Zuge der sich ändernden klimatischen Bedingungen und der Zunahme von Störungen und Extremereignissen rückt die Waldverjüngung als Resilienzträger in den Vordergrund: Kann die natürliche Waldverjüngung als zentraler Pfeiler der Waldbewirtschaftung in der Schweiz die geforderten Anpassungen an den Klimawandel gewährleisten? Die Artikel des Schwerpunktthemas dieses Heftes beleuchten und diskutieren dazu aktuelle Forschungsprojekte der WSL.
Schweiz Z Forstwesen 177 (2): 72–75.https://doi.org/10.3188/szf.2026.0072
* Zürcherstrasse 111, CH-8925 Birmensdorf, e-mailbarbara.moser@wsl.ch
Vor 17 Jahren startete das Programm «Wald im Klimawandel» und legte 2016 eine umfassende Grundlage für ein klimaangepasstes Waldmanagement vor (Plüss et al 2016). Damals war noch die Rede vom künftigen Klimawandel. Nur zwei Jahre später wurde Zentraleuropa zuerst von den Winterstürmen Burglind und Vaia und danach vom Jahrhundertsommer 2018 (Imfeld et al 2022) mitsamt gravierender Sommerdürre erfasst – mit Folgen für Fichten, Buchen, Eichen und Waldföhren (Schuldt et al 2020). Borkenkäfer verursachten beispiellose Schäden in ganz Zentraleuropa (Hlásny et al 2025). Die Ereignisse führten vor Augen, dass wir uns mitten im Klimawandel befinden und dass wir mit solch massiven Auswirkungen auf unsere Wälder von nun an öfter rechnen müssen.
Keine einfachen Antworten
Massnahmen zur Anpassung der Wälder an den Klimawandel wurden von einer internationalen Expertengruppe bereits 2014 vorgeschlagen (Brang et al 2014). Dazu gehörten die Förderung von Baumarten- und Strukturvielfalt, die genetische Variation innerhalb von Baumarten und die Verbesserung der Widerstandsfähigkeit einzelner Baumindividuen gegenüber biotischem und abiotischem Stress. Auch der Ersatz von risikoreichen Beständen (z.B. Vermeidung von hohen Holzvorräten zur Verminderung von Windwurfrisiko und Austrocknungspotenzial) wurde als mögliche Massnahme empfohlen. Inzwischen hat die Funktion der Wälder als Kohlenstoffspeicher (Rogiers et al 2025) und als integrativer Ort der Biodiversität (Krumm et al 2020, Larsen et al 2022) stark an Bedeutung gewonnen. Im Zuge der sich ändernden klimatischen Bedingungen und der Zunahme von Störungen und Extremereignissen (Patacca et al 2022, Wohlgemuth et al 2023) rückt die Waldverjüngung als Resilienzträger in den Vordergrund. Kann die natürliche Waldverjüngung als zentraler Pfeiler der Waldbewirtschaftung in der Schweiz (Strauss & Fischer 2025) die geforderten Anpassungen gewährleisten?
Die topografische, klimatische und edaphische Vielfalt der Schweiz lässt keine uniforme Antwort zu. Auch Unterschiede in der historischen Waldnutzung tragen zur Komplexität bei (Stuber & Bürgi 2011). In den Laubmischwäldern der Tieflagen liegen die Herausforderungen in häufigeren und längeren Dürreperioden sowie der fortschreitenden Ausdünnung der nicht naturnahen Fichtenwälder (Scherrer et al 2022). Hier wird über klimafitte Baumarten und Herkünfte diskutiert und damit experimentiert (Streit et al 2024). Adaptiver Waldbau ist hier verbreitet (Glatthorn et al 2023) und wird durch die Fachstelle Waldbau unterstützt (www.waldbau-sylviculture.ch). Auch wenn die Nadelhölzer in höheren Lagen nicht unmittelbar vom Klimawandel bedroht sind, nimmt dort mit steigenden Temperaturen gleichwohl das Risiko von Störungsereignissen und Borkenkäferkalamitäten zu (Jakoby et al 2019, Bebi et al 2017, Hobi et al 2025). Die Schwierigkeit liegt hier in der rechtzeitigen Etablierung von klimafitten (Laub-)Baumarten, die auf genügend Licht angewiesen sind, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Schutzwirkung gegen Naturgefahren. Der generell tiefe Anteil an Laubbäumen in dieser Höhenlage und ihre Beliebtheit beim Schalenwild erschweren deren natürliche Ausbreitung zusätzlich (Kupferschmid & Abegg 2025).
Die Verjüngungsdynamik im Wald wird durch viele Faktoren beeinflusst. Wichtige Treiber sind die rasche Veränderung des Klimas, die europaweit höchsten Holzvorräte (Thürig et al 2025) und die vielerorts hohen Wildtierbestände. Die Artikel des Schwerpunktthemas dieses Heftes beleuchten und diskutieren aktuelle Forschungsprojekte der WSL zum Thema «Optionen der Waldverjüngung im Klimawandel». Es werden systematische und experimentelle Studien zur Waldverjüngung im Klimawandel vorgestellt, welche die natürliche Verjüngung in verschiedenen Waldtypen untersuchen (Projekte «Benchmarks». Wohlgemuth et al 2026, S. 81, und «Gebirgswaldverjüngung», Nikolova et al 2026, S. 92). Auch die Resultate von neuen Versuchspflanzungen (Projekte «Testpflanzungen zukunftsfähiger Baumarten», Schwarz & Streit et al 2026, S. 102, und «WSL Folientunnelexperiment», Moser et al 2026, S. 111) und alten Anbauversuchen (Glatthorn et al 2026, S. 76) werden vorgestellt.
Ergänzend haben Gebirgswaldfachleute einen Katalog von Fragen zur nachhaltigen Verjüngung von Gebirgswäldern aus Sicht der Praxis erstellt (Zürcher et al 2026, S. 120). Hervorgehoben wird darin etwa die anspruchsvolle Abwägung zwischen der kontinuierlichen Schutzwirkung des Waldes gegen Naturgefahren und der – angesichts des Klimawandels – erwünschten Förderung von lichtbedürftigen Eichen und Pionierbaumarten.
Im Rahmen des WHFF-Projekts «Benchmarks» wurden landesweite Verjüngungsstammzahlen des Landesforstinventars (LFI) von 1995 bis 2022 ausgewertet, die regionale und höhenbedingte Unterschiede der Jungwaldentwicklung aufdecken (Wohlgemuth et al 2026). Im langfristigen Projekt «Gebirgswaldverjüngung» wird seit 2020 auf zehn Versuchsflächen in den Alpen untersucht, wie sich vorratsreiche, lichtarme Fichten- und Tannen-Fichten-Bestände nach waldbaulichen Eingriffen verjüngen (Nikolova et al 2026).
Im ebenfalls noch jungen Projekt «Testpflanzungen zukunftsfähiger Baumarten» wurden die ersten Messreihen zur Anwuchsphase zusammengetragen (Schwarz & Streit 2026). Im Vergleich zu den Bäumen in den Testpflanzungen waren im «WSL-Folientunnelexperiment» sechs Baumarten (Buche, Traubeneiche, Zerreiche, Tanne, Douglasie, Atlaszeder) während dreier Jahre deutlich wärmeren Verhältnissen ausgesetzt, als sie heute in der Schweiz herrschen (Moser et al 2026).
Dass sich neben neuen Baumartenversuchen auch alte Anbauexperimente für die Suche nach Zukunftsbaumarten eignen, zeigt eine Zusammenstellung der wichtigsten schweizweit durchgeführten Studien (Glatthorn et al 2026).
Systematische Übersicht ist dringend nötig
Die Beiträge zeigen, dass sich die Folgen des Klimawandels für den Wald je nach Höhenlage und Bodenverhältnissen stark unterscheiden (Zürcher et al 2026, Moser et al 2026). Generell wird klar, dass natürliche Verjüngung nur bei ausreichenden Lichtverhältnissen aufkommen kann (Wohlgemuth et al 2026) Die Bestandes- und die Mikrostandorteigenschaften entscheiden dann, welche Baumarten sich im Gebirgsnadelwald etablieren können (Nikolova et al 2026). In den höheren Lagen stehen klimafitte Zukunftsbaumarten quasi vor der Tür. Wenn geeignete Ansamungsflächen vorhanden sind, können Baumarten aus tieferen Lagen selbstständig «in die Höhe wandern». Das Einbringen von Zukunftsarten in höhere Lagen zur Beschleunigung der Anpassungsprozesse erweist sich als praktikable Massnahme (Schwarz & Streit 2026). Hier bleibt zu beobachten, wie schnell die Etablierung ablaufen wird und wie stark eine diverse Laubbaumverjüngung durch das Schalenwild gebremst wird.
In den Tieflagen hingegen werden neue, klimafitte Baumarten in den nächsten 50 Jahren kaum natürlicherweise einwandern. Zu den Zukunftsbaumarten aus entfernteren Regionen gehören Douglasie, Atlaszeder oder Baumhasel (Moser et al 2026, Schwarz & Streit 2026). Gleichzeitig muss bei letzteren Baumarten Klimaeignung (z.B. Cavelier et al 2025) und Wirkung auf die lokale Flora und Fauna abgeklärt werden (z.B. Wohlgemuth et al 2022). Durch die langfristigen Waldzyklen ist es äusserst schwierig, diese Fragen in kurzer Zeit zu beantworten. Da die Bodenverhältnisse eine wichtige Rolle spielen (Moser et al 2026) und diese stark mit dem lokalen Klima verknüpft sind, sind Analogieschlüsse nur beschränkt erfolgversprechend. Auch sich laufend ändernde Ansprüche an den Wald erschweren die Anwendung von Erkenntnissen aus früheren Studien (Glatthorn et al 2026) oder anderen Gebieten. Für faktenbasierte Entscheide können zusammenfassende Analysen grossangelegter Studien und fokussierter Experimente (Nikolova et al 2026, Schwarz & Streit 2026) wertvolle Hinweise liefern. Dringend nötig ist allerdings eine systematische Übersicht über das weit verstreute Waldwissen.
Literatur
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