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Waldbrände werden auch von sozialen und kulturellen Prozessen geprägt

Die Sozialwissenschaftlerin und Waldbrandforscherin Christine Eriksen ordnet die europäischen Waldbrände vom Sommer 2026 ein. Artenreiche Wälder, lokales Wissen und Prävention auf Gemeindeebene können den Umgang mit Waldbränden wirkungsvoll beeinflussen.

28.08.2026

Kommentar

Im Sommer 2026 kämpfen mehrere europäische Länder mit schweren Waldbränden. In Südeuropa gehören Waldbrände seit jeher zur Realität. Verändert haben sich dort jedoch ihre Intensität und ihr Ausmass. Diese Entwicklung gilt inzwischen auch für Nordeuropa. Immer häufiger kommt es zu Bränden, die von der Feuerwehr nicht mehr unter Kontrolle gebracht werden können. Dann bleibt ihr nur noch, die Bevölkerung in Sicherheit zu bringen.

Folgen von Klima und konsequenter Brandbekämpfungspolitik

Für die zerstörerische Kraft der Brände spielt der Klimawandel eine wichtige Rolle, er erklärt jedoch nicht das ganze Bild. Zu einem heisseren und trockeneren Klima kommen etwa zunehmendes Baumsterben und eine jahrzehntelange, konsequente Brandbekämpfungspolitik dazu. In vielen Ländern dürfen Landwirtinnen und Förster schon seit einiger Zeit keine kontrollierten Brände mit geringer Intensität zur Pflege widerstandsfähiger Landschaften einsetzen. In Frankreich beispielsweise haben sich dadurch im Unterholz grosse Mengen trockenen Materials angesammelt, das «ideale», gefährliche Voraussetzungen für die Ausbreitung von Waldbränden schafft. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass immer mehr Menschen am Rand von Wäldern leben. Dadurch sind auch immer mehr Häuser gefährdet oder werden gar selbst zu Brennstoff. Schliesslich haben viele ländliche Regionen einen grossen Teil ihrer Einwohnerinnen und Einwohner verloren und damit auch ihr traditionelles Umweltwissen. Immer weniger Menschen bewirtschaften kleine Wälder und landwirtschaftliche Betriebe aktiv. Natürliche Brandschneisen verschwinden daher, und die Vegetation kann sich ungehindert ausbreiten.

Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass jedes Feuer schädlich ist, und wieder Landschaften schaffen, die widerstandsfähiger gegenüber Feuer sind.

Christine Eriksen

Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass jedes Feuer schädlich ist, und wieder Landschaften schaffen, die widerstandsfähiger gegenüber Feuer sind. Wege dahin sind gesündere und artenreichere Wälder mit weniger Unterholz, da Monokulturen und eine dichte Vegetation besonders feueranfällig sind. Ausserhalb des Waldes braucht es feuerresistente Baurichtlinien und eine ebensolche Raumplanung sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, lokalen Gemeinden und Fachleuten aus der Praxis. Am wichtigsten ist, dass Gemeinden viel stärker in die Vorsorgemassnahmen gegen Waldbrände einbezogen werden. Dies erfordert einen offenen Risikodialog.

Widerstandsfähigkeit von der Gemeindeebene aus stärken

In Europa dominiert ein Top-down-Ansatz, bei dem die Behörden der Bevölkerung vorgeben, wie sie sich im Notfall verhalten soll. Zu selten umfasst dies eine bewusste Zusammenarbeit mit den Gemeinden ausserhalb von Notfällen. Ich selbst habe viele Jahre in Australien geforscht. Seit Jahrzehnten setzt das Land darauf, Widerstandsfähigkeit gegenüber Waldbränden von der Gemeindeebene aus zu stärken. Menschen, die in gefährdeten Gebieten leben, werden aktiv dazu ermutigt, sich mit den Risiken auseinanderzusetzen und diese durch geeignete Vorsorgemassnahmen zu verringern.

Die Schweiz kann im Umgang mit Waldbränden auch auf Erfahrungen aus einigen Kantonen zählen. Dazu zählen etwa die Waldbrandprävention im Tessin und die Erfahrungswerte der Bevölkerung im Wallis. Zudem profitiert sie von einer gut funktionierenden Waldbewirtschaftung und sorgfältig gepflegten Schutzwäldern. Auch kann sie auf eine starke Tradition der Solidarität und des freiwilligen Engagements bauen, die sie gezielter bereits vor Katastrophen und nicht erst danach nutzen könnte.

Wieder mit dem Feuer leben lernen

Nicht jedes Feuer ist schädlich. Viele indigene Gemeinschaften unterscheiden zwischen «gutem Feuer» und «schlechtem Feuer». Gutes Feuer trägt dazu bei, gesunde Ökosysteme zu erhalten. Schlechtes Feuer hingegen bezeichnet jene katastrophalen Waldbrände, wie wir sie gegenwärtig immer mehr erleben. Mit Feuer zu leben bedeutet, die Rolle des Feuers in der Landschaft zu verstehen und einen bewussten Umgang damit zu entwickeln, anstatt davon auszugehen, wir könnten es vollständig kontrollieren oder beseitigen.

Schweiz Z Forstwes 177 (5): 294.

  • Widmer L, Eriksen C (in press)

    Experiencing wildfire, understanding risk in mountain regions of Switzerland: a case study of the 2023 Riederhorn wildfire. Fire Ecology. Doi:https://doi.org/10.1186/s42408-026-00554-9

  • Daly M et al (2026)

    Strengthening community disaster resilience in uncertain times: a multi-level analysis of an Australian bushfire. Int J Disaster Risk Reduction, 133, 106000. Doi:https://doi.org/10.1016/j.ijdrr.2026.106000

Christine Eriksen leitet das Forschungsprojekt FiRES zur Widerstandsfähigkeit von Gemeinden gegenüber Waldbränden in Europa an der ETH Zürich. Unterstützt wird das Projekt vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Die Sozialwissenschaftlerin hat zahlreiche internationale Fallstudien zu den sozialen Dimensionen von Katastrophen veröffentlicht. https://christineeriksen.com

Ein ausführliches Interview erschien in ETH-News.

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