• Notizen

Resilienz auf Bestandesebene im Klimawandel: antifragile Konzepte für die Forstwirtschaft

Notiz

Stefan Flückiger1,2,*

1 InnoForst GmbH, Salem (D)
2 Green Timber Consulting AG, Bern (CH)

Waldbestände stehen wegen zunehmender Klimaextreme vor existenziellen Risiken. Resilienzkonzepte greifen zu kurz, damit Wälder zu stabilen Gleichgewichten zurückkehren. Ein antifragiles Konzept dagegen nutzt Störungen als Entwicklungsimpulse. Die Grundlage dazu sind Bodenfruchtbarkeit, marktkonforme Baumartenwahl, verkürzte Produktionszeiträume und hohe Vitalität der Risikoträger. Der Doppeleffekt aus Kohlenstoffbindung und Holzproduktion ist zentral, damit Waldbestände dem Klimaschutz dienen. Fehlanreize wie Schutzdogmen oder politische Vorgaben ohne unmittelbare Verantwortung für die Erlassenden gefährden dagegen tragfähige Strategien. Das Konzept antifragiler Wälder bietet die Möglichkeit, Risiken produktiv zu nutzen und gleichzeitig robuste, zukunftsfähige Strukturen mit Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen.

Schweiz Z Forstwesen 177 (1): 46–48.https://doi.org/10.3188/szf.2026.0046

* Kramgasse 9, CH-3011 Bern, E-Mail stefan.flueckiger@innoforst.de

Waldbestände stehen im 21. Jahrhundert vor einer historisch einzigartigen Herausforderung: Die Geschwindigkeit klimatischer Veränderungen übersteigt jene der ökologischen Anpassungsprozesse. Was auf globalpolitischer Ebene in Zielvorgaben mündet, ist für Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer ein unmittelbares Risiko- und Investitionsthema. Ein Waldbestand ist eine Investition in Naturkapital, das über Jahrzehnte gebunden und auf Naturalertrag ausgerichtet ist und zugleich gegenüber Unsicherheiten exponiert ist, die in Art und Ausmass neuartig sind. Anders als bei Kapitalanlagen existiert hier kein Verluststopp: Verluste lassen sich nicht per Knopfdruck begrenzen.

Dieser Beitrag stellt ein Konzept der Resilienz auf Bestandesebene vor, das über klassische Anpassungsstrategien hinausgeht. Es verbindet evidenzbasierte Klimadaten, Prinzipien des Risikomanagements nach Nassim Nicholas Taleb («Der Schwarze Schwan») sowie forstpraktische Überlegungen zu Böden, Baumartenportfolios und Produktionszeiträumen. Ergänzt wird dies durch das Konzept des Doppeleffekts: Wälder leisten doppelten Klimaschutz durch Kohlenstoffbindung im Zuwachs und durch die Bereitstellung von Holz als Rohstoff, der nicht erneuerbare Materialien ersetzt. Kahlgefallene Flächen sind nicht zwangsläufig Katastrophen, sofern sie aktiv neu begründet werden und sich leistungsfähige Baumarten etablieren. Totholzflächen dagegen sind in aller Regel eine mehrfache Klimabelastung: Verfallendes Holz emittiert CO2, die Fähigkeit eines Standorts zur CO2-Sequestrierung ist über lange Zeiträume aufgehoben, während gleichzeitig die Substitutionsleistung entfällt. Ziel ist es, antifragile Wälder zu schaffen: Bestände, die nicht nur widerstandsfähig gegenüber dem Klimawandel sind, sondern auf Extremereignisse robuster reagieren, Klimaeffekte mindern und gleichzeitig auch gesellschaftliche Bedürfnisse bedienen.

Evidenz: klimatische Rahmenbedingungen

Die zentrale physikalische Realität ist augenfällig: Seit Beginn der systematischen Messungen am Mauna-Loa-Observatorium (Hawaii) steigt die atmosphärische CO2-Konzentration kontinuierlich an. 2024 wurde ein Jahresmittelwert von über 419 ppm erreicht (NOAA 2024).

Die politische Fixierung auf Zielwerte wie +1.5-°C- oder +2.0-°C-Erwärmung verdeckt eine entscheidende Tatsache: Wälder sterben nicht am Jahresmittelwert, sondern an Extremereignissen. Entscheidend sind Trocken- und Hitzeperioden, Starkniederschläge, Spätfröste, Waldbrände, Stürme sowie Folgeeffekte wie Insektenkalamitäten, deren Häufigkeit und Intensität zunehmen. Diese Ereignisse sind kausal mit steigenden Treibhausgaskonzentrationen verknüpft und bestimmen das Überleben oder den Zusammenbruch ganzer Bestände. Sie lösen eine Kaskade weiterer Effekte aus, inklusive Habitat- und daran anknüpfender Artenverluste. Die Einsicht, dass es eine zwingende Priorisierung in der Problemlösung braucht, wird angesichts begrenzter Möglichkeiten und Flächen zum Schlüsselfaktor. Die politisch motivierte Gleichstellung von Klima- und Biodiversitätspolitik verschärft das initiale Phänomen Klimawandel. Dabei ist es unerheblich, ob dieser menschengemacht ist oder nicht: Es geht darum, das Phänomen rechtzeitig unter Kontrolle zu bringen, will die Gesellschaft in ihrer heutigen Verteilung bestehen.

Die Evidenz statistisch irrelevanter Fakten wie Extremereignisse zählt und nicht politisch motivierte Annahmen: Die Dürresommer 2018–2020 führten in Deutschland und der Schweiz zu einem drastischen Anstieg der Mortalität bei Fichte und Buche. Studien belegen deutliche Abhängigkeiten von Bodenwasserhaushalt und Baumartenzusammensetzung. Die Waldbrandvorkommen zeigen ferner, dass klimatische Extreme zu sprunghaften regionalen Risikoverschiebungen führen.

Vom Resilienz- zum Antifragilitätskonzept

Das klassische Resilienzverständnis – die Rückkehr in einen Ausgangszustand – setzt ein stabiles Gleichgewicht voraus. Im Kontext des Klimawandels existiert dieses Gleichgewicht jedoch nicht mehr. Der Wandel scheint zunehmend irreversibel und ist wohl nicht mehr korrigierbar.

Das Konzept des «Schwarzen Schwans» Taleb (2007) verdeutlicht, dass seltene, aber folgenschwere Ereignisse bestehende Strukturen sprengen (Abbildung 1). Für Waldbestände gilt:

  • Fragile Systeme kollabieren unter Belastung.
  • Resiliente Systeme überstehen Belastungen bis zu einer Schwelle.
  • Antifragile Systeme profitieren von Störungen, weil sie Variation als Entwicklungsimpuls nutzen.

Antifragilität ist dabei nicht nur ein Eigenschaftswort, sondern eine Denkweise: Sie setzt voraus, die Möglichkeit eines vollständigen Systemversagens (bis hin zum Artenverlust) anzuerkennen und Strukturen dennoch so zu gestalten, dass der Neustart mit minimalen Verlusten möglich ist (nach Taleb 2012). Entscheidend ist, dass selbst nach einem Totalausfall neue, leistungsfähige Waldsysteme rasch aufgebaut werden können.

Vier Säulen antifragiler Waldbewirtschaftung

Das folgende Viersäulenmodell wurde für die Klimaanpassung von Waldflächen entwickelt und seit 2017 in Forstbetrieben auf über 20 000 ha angewandt (Abbildung 2). Es basiert auf der Erkenntnis, dass Antifragilität auf Ebene des Einzelbestands unzweckmässig ist und deshalb auf Ebene ganzer Bestandsportfolios (Betriebe) gedacht werden muss.

1. Säule: Erhalt der Bodenfruchtbarkeit

Der Boden ist das nicht substituierbare Kapital des Waldes.

  • Physikalische Schäden: Exzellenter Maschineneinsatz nach hohen Qualitätsstandards (permanente Rückegassen, angepasste Technik, Einsatzsteuerung nach Befahrbarkeit) ist entscheidend – nicht bloss «konsequent», sondern qualitätsgesichert (vgl. Heinimann 2019).
  • Chemische Belastungen: Versauerung und damit verbundene Nährstoffverluste erfordern Monitoring, mildernde Massnahmen und in gewissen Fällen adaptive Behandlung (z.B. Kalkung), um auch biologischen Risiken (verminderte Bodenaktivität) zu begegnen.

2. Säule: Markt- und naturkonformes Baumartenportfolio

  • Die Baumartenwahl ist ein temporär irreversibler Investitionsentscheid mit jahrzehntelanger Bindung.
  • Baumarten mit hohem Zuwachs und marktfähigen Produkten sichern sowohl Kohlenstoffbindung als auch ökonomische Verwertung (Pretzsch 2021) – und damit einen optimalen positiven Doppeleffekt.
  • Historisch mittelwertgestützte Leitbilder sind in der aktuellen Klimaentwicklung problematisch, weil sie vergangenheitsorientiert bleiben und die Dynamik «Schwarzer Schwäne» ausblenden.
  • Mischungsprogramme ohne Leistungs- und Marktbezug bergen das Risiko eines beschleunigten Klimawandels (und Artensterbens), weil sie gesellschaftliche und wirtschaftliche Realitäten negieren.

3. Säule: Reduktion der Produktionszeiträume

Je länger ein Bestand steht, desto länger ist er Risiken ausgesetzt.

  • Konsequente Auslesedurchforstung bündelt das Wachstum frühzeitig auf vitale Individuen.
  • Kürzere Umtriebszeiten führen zu geringeren Baumhöhen – und damit zu reduzierter Sturmgefährdung.
  • Die Realisierung ist nicht nur ökonomisch, sondern auch physikalisch mit Blick auf die tatsächlich vorhandene Holzbiomasse (bzw. Kohlenstoffmasse) begründet: Ein rechtzeitig geernteter Bestand bringt Holz in Wertschöpfung und trägt durch den Doppeleffekt zum Klimaschutz bei.

4. Säule: Maximale Vitalität der Risikoträger

Die Vitalität muss bis zum Ende einer Produktionsperiode hoch bleiben. Lebende Kronenlänge und Wurzelarchitektur sind zentrale Indikatoren. Nur so sichern kurze Umtriebszeiten und hohe Persistenz gegenüber mittleren Störungen die notwendige Stabilität.

Risiken und Fehlanreize

Der aktuelle Diskurs birgt verschiedene Risiken und Fehlanreize, die eine antifragile Waldbewirtschaftung behindern.

Schutzaktivismus

Die Annahme, alte Wälder seien per se optimaler Klimaschutz, ist irreführend. Alte Wälder sind fragiler gegenüber Extremereignissen. Ihr Nettobeitrag zum Klimaschutz ist geringer als jener jüngerer Wälder. Dies verschärft sich progressiv, wenn weder Zuwachs noch Substitutionseffekte realisiert werden. Zudem wirkt der negative Doppeleffekt: Wird Holz ausser Nutzung gestellt, ersetzt die Gesellschaft es durch andere Rohstoffe, deren Herstellung deutlich mehr CO2 freisetzt. Studien belegen, dass dieser Effekt den vermeintlichen Klimanutzen von Stilllegungen übersteigen kann (vgl. Nabuurs et al 2022) – insbesondere in einer globalen Betrachtung von Versorgungsströmen.

Politische Zielsetzungen ohne Haftung

Internationale Klimaziele schaffen Erwartungen, aber keine Verantwortung. Die Konsequenzen tragen Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer, die Fehlentscheidungen über Jahrzehnte ausbaden müssen. Förderprogramme ohne Risikoübernahme führen zu strukturellen Investitionsfallen.

Perspektive: antifragile Wälder gestalten

Resilienz im 21. Jahrhundert bedeutet nicht Bewahren, sondern Gestalten. Wälder sind so zu entwickeln, dass Extremereignisse ihre Struktur verbessern statt zerstören. Das erfordert keinen waldbaulichen Aktionismus – aber vor allem das Vermeiden falscher Entscheidungen (Vermeidung des negativen Doppeleffekts).

  • Dynamische Portfolios: Nicht «laufend» Baumarten wechseln, sondern in kürzeren Zyklen Entwicklungsoptionen schaffen. Die Steuerung über Flächen statt über abgeleitete Grössen wie Hiebsätze ermöglicht wirksame Portfoliostrategien.
  • Doppeleffektstrategie: maximale Kohlenstoffbindung im Bestand plus Bereitstellung substitutiver Rohstoffe (≈ 2 t CO2 pro fm Holz; vgl. Werner et al 2010).
  • Kostenbewusstsein: Antifragilität verlangt realistische Strategien – keine ideologischen Fixkosten, die Betriebe in die Unwirtschaftlichkeit treiben. Finanzierung durch Beiträge senkt nicht die Fixkosten, sondern verschiebt lediglich deren Träger.
  • Konkrete Beispiele: verkürzte Umtriebszeiten, flexible Baumartenmischungen, konsequente Bodenpflege, Nutzung digitaler Tools (z.B. Smartforest, TBk, WIS 2.0 HAFL) zur Entwicklung belastbarer Optionen.

Antifragile Wälder sind nicht risikolos. Sie nutzen jedoch Risiken als Entwicklungstreiber.

Schlussfolgerung

Die Forstwirtschaft muss sich vom Mittelwertdenken verabschieden. Wälder sterben nicht am Durchschnitt, sondern an den Extremen. Antifragilität ist deshalb die Schlüsselstrategie: Bestände müssen so gestaltet werden, dass sie durch Unvorhersehbares stärker werden.

Nutzungsverzichte – in welcher Form auch immer – sind in diesem Zusammenhang eine Fehlentwicklung: klimatisch, ressourcentechnisch und letztlich menschenfeindlich. Aktiv geplante Waldentwicklung, die sich an den Grundsätzen eines unideologischen und sparsamen Umgangs mit Ressourcen orientiert, erschliesst dagegen Ertrags- und Klimapotenziale.

Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer, die diesen Ansatz verinnerlichen, schaffen nicht nur ökonomisch stabile Investments, sondern leisten auch einen realen gesellschaftlichen Beitrag zur Klimastabilisierung. Dass damit das Klimaproblem nicht gelöst wird, liegt angesichts des aktuellen Entwicklungstempos auf der Hand.

Literatur

  • Heinimann HR (2019)

    Forest operations engineering and management – the way ahead. Croatian J Forest Eng 40 (2): 107–121.

  • Nabuurs GJ, Verkerk PJ, Schelhaas M-J, González Olabarria JR, Trasobares A, Cienciala E (2022)

    Climate-Smart Forestry: mitigation impacts in three European regions. From Science to Policy 6. European Forest Institute EFI. doi:https://doi.org/10.36333/fs06

  • MeteoSchweiz (2014)

    Klimaszenarien Schweiz – eine regionale Übersicht. Fachbericht MeteoSchweiz 243. 36 p.

  • Pretzsch H (2021)

    Forest Dynamics, Growth and Yield. Berlin, Heidelberg: Springer. 664 p.

  • Taleb NN (2007)

    The Black Swan. New York: Random House. 480 p.

  • Taleb NN (2012)

    Antifragile: how to live in a world we don’t understand. London: Allen Lane. 519 p.

  • Werner F, Taverna R, Hofer P, Richter K, Kaufmann E, Thürig E (2010)

    National and global greenhouse gas dynamics of different forest management and wood use scenarios: a model-based assessment. Environ Sci Pol 13 (1): 72–85. doi:https://doi.org/10.1016/j.envsci.2009.10.004

Anzeige