• Perspektive

Nutzen und Limitierungen alter Baumartenversuche in der Schweiz

Perspektiven Perspectives

Jonas Glatthorn1,*, Robert Jenni2, Kathrin Streit1, Samuel Zürcher3

1 Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, Birmensdorf (CH)
2 Abteilung Wald, Bundesamt für Umwelt, Bern (CH)
3 Fachstelle Gebirgswaldpflege GWP, Maienfeld (CH)

Abstract

Um Informationen zur Eignung bestimmter Baumarten für die adaptive Waldbewirtschaftung zu erhalten, werden europaweit Baumartenversuche angelegt. Es stehen aber auch ältere Anbauversuche zu heimischen und nicht heimischen Baumarten für Studien zu deren Zukunftsfähigkeit zur Verfügung. Ihr grosser Vorteil gegenüber neuen Experimenten ist das höhere Alter der Bäume, was Rückschlüsse über die Jungwaldphase hinaus erlaubt. Allerdings lassen Unterschiede im Versuchsdesign und eine oft lückenhafte Dokumentation der Geschichte älterer Anbauversuche Schlussfolgerungen nur eingeschränkt zu. Angesichts der Dringlichkeit der Fragen rund um die Baumarteneignung im Klimawandel müssen alte Anbauversuche dennoch analysiert werden, um alle zur Verfügung stehenden Informationsquellen optimal auszuschöpfen.

Keywords: experimental plantations, future tree species, study design, adaptive management

Schweiz Z Forstwesen 177 (2): 76–80. doi:https://doi.org/10.3188/szf.2026.0076

* Zürcherstrasse 111, CH-8903 Birmensdorf, E-Mailjonas.glatthorn@wsl.ch

Zukunftsfähige Baumarten können unter heutigen und zukünftigen Umweltbedingungen vitale Bestände bilden, Waldleistungen erbringen und die Biodiversität erhalten. Ein Ziel der adaptiven Waldbewirtschaftung ist es, die Vielfalt solcher Baumarten zu fördern. Dafür ist es für Forstpraxis und Behörden des Bundes und der Kantone wichtig, zu wissen, welche Baumarten und Provenienzen an welchen Standorten zukunftsfähig sein werden.

Eine der zuverlässigsten Möglichkeiten, dieses Wissen zu generieren, ist die Anlage und interdisziplinäre Beobachtung von Testpflanzungen. Dies wird beispielsweise im aktuell grössten Testpflanzungsprojekt der Schweiz (Abbildung 1, Streit et al 2026, dieses Heft) gemacht. Um extremere Klimabedingungen simulieren zu können, wird das Baumwachstum an drei Versuchsstandorten bei wärmeren Temperaturen und grösserer Trockenheit geprüft (Abbildung 2; Moser et al 2026, dieses Heft). Zusätzlich gibt es in der Schweiz in Mutrux VD (Glatthorn & Nikolova 2025) und bei Ittenthal AG (Nikolova et al 2025) noch weitere Versuchspflanzungen zu verschiedenen nicht heimischen Baumarten. Ergebnisse aus Versuchspflanzungen in weiteren mitteleuropäischen Ländern, zum Beispiel den Partnerflächen zu der Pflanzung in Mutrux in Deutschland und Österreich oder Pflanzungen in Hessen (Lieven et al 2025), sind ebenfalls interessant für die Schweizer Waldbewirtschaftung.

Es gibt aber auch weitere, mehrere Jahrzehnte alte Pflanzungen potenziell zukunftsfähiger Baumarten, etwa in Copera TI (Abbildung 3, Buffi 1987), im Bois de Forel VD (Geyer & Brang 2019) oder die Pflanzung von Schutzwald am Stillberg bei Davos (Lechler et al 2024).

Neben wissenschaftlich begleiteten Versuchen wurden und werden ausserdem zahlreiche Pflanzungen von Praktiker/innen angelegt. Diese sind meist weniger gut dokumentiert, können aber für weitere Untersuchungen genutzt und mit dem DokuTool «Zukunftsbaumarten» erfasst werden (zukunftsbaumarten.ch, Streit et al 2025).

Es ist sinnvoll, möglichst viele Vorkommen potenziell zukunftsfähiger Baumarten in die Bewertung der Anbauwürdigkeit von Arten einzubeziehen. Unterschiedliche Eigenschaften der Versuche beeinflussen jedoch, welche Fragestellungen auf alten und neuen Versuchsflächen untersucht werden können (Tabelle 1). Ziel dieses Artikels ist es, die wichtigsten Eigenschaften verschiedener Anbauversuche darzustellen und ihre Potenziale und Limitierungen zur Beantwortung von aktuellen Forschungsfragen zu diskutieren.

Potenziale alter Versuche

Allgemeine Widerstands- und Reproduktionsfähigkeit

Die Wuchsreaktionen von Baumarten auf Trockenheit können in verschiedenen Entwicklungsphasen von Bäumen unterschiedlich ausfallen (Thom et al 2023). Der Einfluss von Klima und Standort auf das Wachstum kann entweder anhand aktueller Messungen, historischer Datenreihen (soweit verfügbar) oder dendrochronologischer Analysen untersucht werden. Auch die physiologische Angepasstheit an Klimabedingungen und Reaktionen auf extreme Witterung und Wetterereignisse lassen sich in älteren Anbauversuchen besser untersuchen – durch Messungen der Holzanatomie und der Isotopensignatur in Jahrringen auch rückwirkend. Da grössere Bäume anfälliger gegenüber biotischen Störungen wie Borkenkäferbefall sind (Sproull et al 2015), sind waldschutzfachliche Bewertungen älterer Anbauversuche wichtig. Auch Risiken gegenüber abiotischen Störungen wie Sturm, Schneebruch und Spätfrost unterscheiden sich zwischen kleinen und grossen Bäumen, unter anderem wegen ihrer unterschiedlichen Phänologie (Marchand et al 2020) oder wegen der Baumhöhe. Ebenfalls relevant ist die Frage, wie stark sich Baumarten natürlich verjüngen können. Eine zu geringe natürliche Verjüngungskapazität schränkt zukünftige waldbauliche Optionen in der Verjüngungsphase ein (Bogdziewicz et al 2020).

Integration neuer Baumarten

Bei nicht heimischen potenziellen Zukunftsbaumarten besteht das Risiko, dass sie eine geringere Habitatfunktion als heimische Baumarten und damit einen negativen Einfluss auf die lokale Biodiversität haben (Wohlgemuth et al 2022, Neobiota). Viele heimische Arten sind auf Strukturmerkmale wie Asthöhlen oder Totholz angewiesen, die sich typischerweise erst in älteren Beständen entwickeln. Darum sind Untersuchungen zur Habitatfunktion älterer Bäume wichtig.

Auch für bestimmte Waldleistungen, etwa den Schutz vor Naturgefahren, sind weitere Studien an älteren Vorkommen bislang noch wenig erforschter Baumarten sinnvoll, um Risiken und Potenziale abzuschätzen. Aktuell kann der Schutz vor Steinschlag und Lawinen nur für wenige nicht heimische Baumarten im alpinen Raum abgeschätzt werden (Wunder et al 2018).

Ein hohes invasives Potenzial von Baumarten kann dazu führen, dass sich Baumarten unkontrolliert und ungewollt auf Landschaften ausbreiten und sich nur schwer wieder entfernen lassen. Arten, deren Invasivität bereits an ähnlichen Standorten dokumentiert ist, sowie Pionierarten sollten daher nicht experimentell getestet werden (BAFU 2023). Um die Invasivität weiterer Baumarten abschätzen zu können, sind Untersuchungen zur Samenproduktion, Ausbreitungsdistanz und Verjüngungsdynamik nötig. Sie sind erst möglich, wenn die Bäume alt genug sind, um Samen zu tragen.

Limitierungen alter Versuche

Es ist schwierig, Erkenntnisse zur Bestandesetablierung und zur Jungwaldphase potenziell zukunftsfähiger Baumarten aus alten Versuchspflanzungen zu gewinnen. Insbesondere wenn Versuchsflächen aufgrund hoher Mortalität komplett aufgegeben wurden oder umfangreiche Nachpflanzungen nötig waren, können fehlende Informationen Ergebnisse verzerren. Zusätzlich waren alte Versuchspflanzungen in ihrer Frühphase noch weniger vom Klimawandel betroffen, und ältere Daten sind für heutige Verhältnisse am jeweiligen Versuchsstandort weniger aussagekräftig.

Die Wahl der Baumarten und der Provenienzen bei alten Anbauversuchen kann mögliche Forschungsfragen erheblich einschränken. Da ein häufiges Ziel die Ertragsmaximierung war, wurden Arten und Provenienzen mit niedrigem Ertragspotenzial teilweise nicht angebaut. Die Wahl der Baumarten und der Provenienzen neuer Versuche berücksichtigt neben dem Holznutzungspotenzial meist noch weitere Kriterien wie die Klimaeignung (Schmiedinger et al 2009).

Aus heutiger Sicht sind vor allem Erkenntnisse zur Klima- und Standorteignung von Baumarten interessant. An Standorten mit hoher Wasserverfügbarkeit können die heutigen Baumarten auch in Zukunft noch eher vitale Bestände bilden. Es besteht eine geringere Dringlichkeit, weitere zukunftsfähige Baumarten für diese Standorte zu kennen. Deswegen sind Zukunftsbaumarten, die unter nährstoffarmen und trockenen Wuchsbedingungen vitale Bestände bilden können, besonders wichtig. Da die Fragestellung in alten Versuchen eine andere war, fehlen oft die aus heutiger Sicht interessantesten Standorte. Wenn vorhanden, ist der Blick auf Anbauversuche in anderen Regionen der Schweiz und Mitteleuropas lohnend, sofern diese auf vergleichbaren Standorten stattgefunden haben.

Auch wenn ersichtlich ist, wie viele Bäume von der Etablierung der Pflanzungen bis heute überlebt haben, ist es oft schwierig, die Mortalität von alten Versuchspflanzungen aussagekräftig zu untersuchen. Dies liegt an teilweise lückenhaften Datenreihen sowie häufig unbekannter Ausfallursache (natürlich vs. forstliche Entnahme).

Ein schwaches experimentelles Design schränkt die wissenschaftliche Aussagekraft älterer Versuche häufig ein. Sie sind teilweise eher Fallstudien, was die Repräsentativität und die Generalisierbarkeit der Ergebnisse beeinträchtigt.

Spezialfall Praxisversuche

Eine Besonderheit stellen Anbauversuche aus der Praxis dar, wie sie aktuell im DokuTool «Zukunftsbaumarten» in der Schweiz erfasst werden (Streit et al 2025). Auch Bestände aus diesen Versuchen können wissenschaftlich untersucht werden. Allerdings sind die Einschränkungen grösser als bei wissenschaftlichen Experimenten. Häufig werden diese als lokale Fallstudien angelegt, was ihre gemeinsame Auswertung mit anderen Versuchen erschwert. Bei älteren wissenschaftlich nicht begleiteten Versuchen ist beispielsweise selten bekannt, wie viele Bäume ursprünglich gepflanzt wurden (Kölling & Schmidt 2013) und welche Provenienzen die Bäume haben. Trotzdem lassen sich einige Fragestellungen auch mithilfe von Praxisversuchen beantworten. Beispielsweise können die Biodiversität verschiedener Artengruppen und die natürliche Verjüngung gut in solchen Beständen untersucht werden. Dies insbesondere dann, wenn eine grössere Anzahl voneinander unabhängiger Fallstudien zusammengefasst werden kann.

Schlussfolgerungen

Mithilfe alter Anbauversuche können Forschungsfragen an ausgewachsenen Bäumen untersucht werden, die ansonsten in den nächsten Jahrzehnten unbearbeitet blieben. Dabei sollte der Fokus darauf liegen, möglichst viele für die Forstpraxis relevante Erkenntnisse zu gewinnen und Hinweise zu geben, wie mit den bestehenden Unsicherheiten und Limitierungen umgegangen werden sollte. Handlungsempfehlungen spiegeln dabei immer die momentane Erkenntnislage und aktuelle Prognosen zur Entwicklung der nächsten ein bis zwei Jahrzehnte wider. Mit fortschreitendem Klimawandel muss waldbauliches Handeln kontinuierlich neu evaluiert werden.

Dabei ist klar, dass viele praxisrelevante Fragen zur Zukunftsfähigkeit von Baumarten und Provenienzen mittels bereits bestehender Versuche nicht beantwortet werden können und dafür neue Versuche nötig sind. Deren Weiterführung muss gewährleistet sein, um Fragen der Baumarteneignung im Klimawandel möglichst langfristig untersuchen zu können. Unterhalt und Auswertung alter und neuer Versuche sollten eng abgestimmt werden, um von vergangenen Erfahrungen optimal profitieren zu können.

Alte und neue Anbauversuche aus Wissenschaft und Praxis können ergänzende Erkenntnisse zur Zukunftsfähigkeit von Baumarten liefern. Wenn beide Versuchsarten entsprechend ihrer Potenziale und Einschränkungen betrieben, ausgebaut und erforscht werden, entsteht der grösste Nutzen für Fragestellungen zur klimaadaptiven Waldbewirtschaftung.

Eingereicht: 9. Oktober 2025, akzeptiert (mit Review): 15. Dezember 2025

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