• Notizen

Aktuelle Herausforderungen rund um die Verjüngung der Gebirgswälder im Klimawandel

Kleinräumig strukturierte Wälder mit genügend Verjüngung mehrerer zukunftsfähiger Baumarten verringern die Anpassungsrisiken.
Kleinräumig strukturierte Wälder mit genügend Verjüngung mehrerer zukunftsfähiger Baumarten verringern die Anpassungsrisiken.

Notizen

Samuel Zürcher1,*, Christoph Aeberli2, Peter Bebi3, Monika Frehner4, Lukas Glanzmann1, Adrian Oncelli5, Luca Plozza6

1 Fachstelle Gebirgswaldpflege GWP, Maienfeld (CH)
2 Amt für Wald und Natur, Kanton Freiburg, Rechthalten (CH) (CH)
3 WSL-Institut für Schnee und Lawinenforschung, SLF, Davos (CH)
4 Forstingenieurbüro Frehner, Sargans (CH)
5 Sezione forestale Ticino, Bellinzona (CH)
6 Gebirgswaldpflegegruppe GWG, Maienfeld (CH)

Die starken und schnellen Veränderungen aufgrund des Klimawandels bedingen Anpassungen in der waldbaulichen Praxis und führen zu neuen Forschungsfragen. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die zentralen Herausforderungen und beschreibt aus Sicht des Gebirgswaldbaus, wie aktuell damit umgegangen wird. Dabei wird auf die Schutzwälder fokussiert.

Schweiz Z Forstwes 177 (2): 120–122. doi:https://doi.org/10.3188/szf.2026.0120

* Försterschule 2, CH-7304 Maienfeld, E-Mail samuel.zuercher@ibw.ch

In den Gebirgswäldern dominieren bisher Nadelbäume. Ihre wichtigste Waldfunktion ist die Schutzwirkung gegen Naturgefahren. Der Verjüngung kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu: Im Gegensatz zu Tieflagenwäldern ist sie in vielen Gebirgswäldern naturgemäss selten. Sie kann sich häufig nur zeitlich begrenzt auf günstigen Kleinstandorten erfolgreich etablieren. Aus diesem Grund ist das stellenweise Vorhandensein von (Vor-)Verjüngung über die gesamte Waldfläche ein zentraler Aspekt der Resilienz von Gebirgswäldern. Fehlt die Verjüngung, muss bei ungünstigen Bedingungen nach Störungen mit Verjüngungsdefiziten gerechnet werden, die sich über Jahrzehnte hinziehen. Dies gilt es insbesondere im Schutzwald zu verhindern.

Anpassung der waldbaulichen Ziele an den Klimawandel

Im Schutzwald übernehmen die NaiS-Anforderungsprofile eine zentrale Rolle bei der Zieldefinition. Seit 2025 wird gemäss der neuen Vollzugshilfe NaiS (BAFU 2024) der Klimawandel berücksichtigt, indem für die langfristige Zielsetzung ein «Standorttyp Zukunft» nach dem Prinzip der «adaptierten Ökogramme» definiert wird. Vorteil dieser Methode ist, dass sie trotz erheblicher Unsicherheiten eine konkrete Vorstellung der zukünftig erwarteten Standortbedingungen liefert. Im Zuge der Aktualisierung von NaiS werden derzeit auch die standortkundlichen Anforderungsprofile überarbeitet. Damit werden zukünftig die Mischungsziele, die auch für die Verjüngung relevant sind, von den Anwenderinnen und Anwendern selbst konkretisiert. Die quantitativen Anforderungen an den Aufwuchs, die in NaiS 2005 mithilfe eines Modells von Brang und Duc (2002) hergeleitet worden sind, werden mangels geeigneterer wissenschaftlicher Grundlagen nicht angepasst.

Im Bereich der Verjüngungsindikatoren besteht aus Sicht der Praxis seit Jahren Bedarf an zusätzlichen umsetzungsorientierten Forschungsergebnissen. Dies betrifft die Festlegung aussagekräftiger Indikatoren für unterschiedliche Anwendungszwecke und Bezugsebenen sowie die damit verbundenen Sollwerte und Erfassungsmethoden (Nikolova et al 2024).

Fragen der Verjüngung sind auch im Hinblick auf die Anforderungen bezüglich Naturgefahren von grosser Bedeutung. So braucht es beispielsweise klare Empfehlungen, in welchen Höhenlagen und wie stark im Lawinenschutzwald noch auf immergrüne Nadelbäume gesetzt werden soll.

Herausforderungen bei der waldbaulichen Umsetzung

In der waldbaulichen Umsetzung der Anpassung an den Klimawandel sind unter anderem folgende Themenbereiche besonders herausfordernd und mit offenen Fragen verbunden.

Förderung von Lichtbaumarten vs. Schutzwirkung

Die Schutzwaldanforderungen können mit (Halb-)Schattenbaumarten einfacher und mit weniger Zielkonflikten erreicht werden als mit Lichtbaumarten. Die Anpassung an den Klimawandel macht es aber unabdingbar, vermehrt auch (Halb-)Lichtbaumarten wie Eichen oder Pionierbaumarten zu verjüngen. Dazu sind auf produktiven Standorten grössere Verjüngungsöffnungen notwendig, die im Konflikt mit der kurz- bis mittelfristigen Schutzwirkung stehen können. Meistens gibt es für die Optimierung zwischen Schutzwirkung, Resilienz und Klimawandelanpassung geeignete Lösungen, indem etwa Lückenausrichtung und -lage bewusst gewählt werden. Dabei gehen die Fachmeinungen, wie viel Licht für die erfolgreiche Verjüngung einer Baumart nötig ist, oft deutlich auseinander. Wissenschaftliche Studien dazu bestätigen bisher jedoch, dass es schwierig ist, Schwellenwerte abzuleiten. Verbesserte Hilfestellungen aus der Forschung wären für die Praxis wertvoll und sind auch in Entwicklung.

Wildeinfluss verhindert natürliche Anpassung

Der in vielen Gebirgswäldern zu grosse Wildeinfluss behindert die natürliche Anpassung an den Klimawandel. Er führt vielerorts zur Entmischung der Baumartenzusammensetzung, sodass sich primär wenig verbissanfällige Baumarten erfolgreich verjüngen. Dies läuft den waldbaulichen Zielsetzungen der Baumartenanpassung und Baumartenvielfalt diametral entgegen und stellt nicht selten auch die Wirkung der eingesetzten Steuergelder infrage. Die Situation sorgt in der Praxis zusehends für Frustration und Ratlosigkeit. Deshalb ist die wissenschaftliche Weiterentwicklung von Beurteilungsmethoden, Indikatoren und Grenzwerten, die klarere Aussagen zum Schalenwildeinfluss liefern, dringend und wichtig.

Derweil wird in der Praxis im Rahmen des Machbaren versucht, mittels Wildschutzmassnahmen zumindest Samenbäume der Zielbaumarten zu etablieren. Dies im Wissen darum, dass die Erfolgsquote solcher Massnahmen im Gebirgswald sehr ungewiss ist und grossflächige Probleme mit Wildschutzmassnahmen nicht lösbar sind. Im Kanton Graubünden beispielsweise wurden zwischen 2012 und 2024 CHF 14.8 Mio. für passive Wildschutzmassnahmen ausgegeben (AWN GR 2025). Erfahrungszahlen aus einem Forstbetrieb im Albulatal (GR) zeigen, dass sich die Kosten für Wildschutzzäune auf 0.2% der produktiven Waldfläche dieses einzelnen Betriebes über 25 Jahre auf CHF 2.9 Mio. bzw. CHF 178 000 pro Hektare summieren (Turner 2024).

Künstliche Verjüngung wird wichtiger

Pflanzungen werden als Massnahme der Klimawandelanpassung kontrovers diskutiert, aber bisher (noch) nicht im grossen Stil umgesetzt. Zunehmend wird auch mit alternativen Methoden wie Direktsaat oder Schürfungen experimentiert. Grundsätzlich soll dabei die natürliche Ausbreitung von Baumarten in neue, für sie passende Gebiete unterstützt und beschleunigt werden. Oft ist künstliche Verjüngung jedoch eine Folge des zu starken Wildeinflusses: Das Samenangebot wäre vorhanden, aber ohne Zäune gelingt die Naturverjüngung nicht. Um die Lebensdauer von Zäunen optimal auszunutzen, wird schliesslich gepflanzt.

Es bestehen verschiedene forstgenetische Fragestellungen bezüglich der Herkunftswahl und der Eignung. Sollen Herkünfte aus deutlich trockeneren und wärmeren Wuchsregionen verwendet werden, oder ist die Anpassungsfähigkeit der regionalen Herkünfte für die bevorstehenden Veränderungen ausreichend? Soll auch in dieser Frage die Strategie «Risikoverteilung durch Vielfalt» verfolgt werden, indem ein breites Spektrum an Herkünften gemischt wird? Hier erhofft man sich Unterstützung durch die neue nationale Koordinationsstelle für forstliches Vermehrungsgut, die 2026 ihren Betrieb aufnimmt. Mit der erwarteten Zunahme an grossen Störungsflächen dürfte auch der quantitative Bedarf an künstlicher Verjüngung deutlich steigen, da grosse Verjüngungsflächen zur Einbringung lokal noch nicht vorhandener Zielbaumarten genutzt werden. Darauf sollten sich Kantone, Bund und Wissenschaft vorbereiten.

Anpassungen in der Jungwaldpflege

Im Bereich der Jungwaldpflege wurde in den letzten Jahren einiges investiert, um die Massnahmen an die neusten Erkenntnisse anzupassen. Für die Klimawandeladaptation sollen nun vermehrt auch Baumarten gefördert werden, die (heute noch) konkurrenzschwach und nur sporadisch präsent sind. Dabei muss teilweise von der Grundregel abgewichen werden, nur sehr vitale, herrschende Individuen zu fördern, da diese eventuell nicht die zukunftsfähigsten Elemente eines Bestandes sind. Forschungsbedarf besteht unter anderem zur Frage, ob sich die Trockenheitstoleranz junger Gebirgswälder durch starke Durchforstungen erhöhen lässt.

Invasive Neophyten frühzeitig ernst nehmen

Insbesondere auf der Alpensüdseite sind invasive Neophyten seit Jahren eine grosse Herausforderung, da sie die Verjüngung wichtiger einheimischer Arten sehr stark bedrängen können und zu Reinbeständen tendieren. Inzwischen sind verschiedene wirkungsvolle Bekämpfungstechniken bekannt. Die Erfolgsaussichten sind vor allem in den ersten Phasen der Ausbreitung intakt, nehmen jedoch rapide ab, sobald sich eine Art in einer Region gut etabliert hat.

Bedarf an Intensivierung und Priorisierung

In den letzten Jahren wurden im nationalen Durchschnitt jährlich weniger als 2% der Schutzwaldflächen gepflegt, was einer theoretischen mittleren Wiederkehrdauer von über 50 Jahren entspricht. Die Nutzungsmengen liegen weit unter dem Bruttozuwachs, die mittleren Holzvorräte sind hoch und die Verjüngungsdeckungsgrade tief.

In dieser Situation drängen sich diverse Fragen auf, die in zwei Bereiche gegliedert werden können.

Muss die Schutzwaldpflege intensiviert werden?

Angesichts der oben erwähnten Zahlen scheint die Antwort auf diese Frage naheliegend. Gleichzeitig gilt es zu bedenken, dass die gesetzlich geforderte minimale Schutzwaldpflege zum Ziel hat, nicht mehr als das Notwendige zu tun, um die Schutzwirkung dauerhaft und ohne übermässige Risiken zu gewährleisten. Dies nicht zuletzt aufgrund der ökonomischen Realität, dass aktuell in die Schutzwälder beispielsweise der Forstzonen Alpen/Alpensüdseite mit CHF 108.– pro Festmeter bzw. jährlich CHF 256.– pro Hektare Schutzwaldfläche beträchtliche öffentliche Beiträge fliessen (Bürgi et al 2024). Daher steht die Frage im Raum, wie der Begriff «minimale Schutzwaldpflege» sowie die Beurteilung der Verhältnismässigkeit von Massnahmen angesichts des Klimawandels, der stark gestiegenen Störungsrisiken und der grossflächig schlecht angepassten Waldzustände zu definieren sind. Hierzu liegen momentan zu verschiedenen Aspekten noch keine fundierten Antworten vor. Praxis und Forschung sind herausgefordert, sich in den kommenden Jahren vertieft damit zu befassen.

Auch in diesem Zusammenhang ist der oben erwähnte Bedarf an verbesserten Verjüngungssollwerten und Monitoringmethoden gross. Auf waldplanerischer Ebene stellt sich die Frage, inwiefern der Durchschnittsvorrat noch als zentraler Indikator für den Verjüngungsbedarf geeignet ist, zumal beide im Einzelfall häufig schlecht korrelieren. Ein neuer Ansatz wird gegenwärtig im WHFF-Projekt «Schweizweite Karten des baumartenspezifischen Verjüngungspotentials» geprüft. Stärken dieser Methode sind, dass mit dem Kronendeckungsgrad ein Indikator beurteilt wird, der aus Fernerkundungsdaten regelmässig, flächendeckend und standardisiert abgeleitet und waldbaulich sehr direkt beeinflusst werden kann.

Weitgehend unbestritten ist, dass die Steigerung der (Nadelholz-)Nutzung im Gebirgswald aus Gründen der Ressourcennutzung von Holz und der Dekarbonisierung der Gesellschaft erstrebenswert ist. Aktuell scheitert sie oft an der Wirtschaftlichkeit. Dies könnte sich jedoch unter anderem aufgrund abnehmender Nadelholzvorräte in Mitteleuropa mittelfristig ändern. Teilweise bestehen potenzielle Synergien mit dem Bedarf an intensivierter Schutzwaldpflege, teilweise jedoch auch Zielkonflikte zwischen Holznutzung, Schutzwaldpflege und Biodiversitätsförderung, die mit situativ angepassten Lösungen entschärft werden können.

Wie kann die Priorisierung verbessert werden?

Angesichts der sehr hohen mittleren Wiederkehrdauer von Schutzwaldpflegemassnahmen ist unbestritten, dass der Auswahl der Eingriffsflächen eine grosse Bedeutung zukommt. Dabei müssen sowohl waldbauliche und waldplanerische Aspekte als auch Methoden der Naturgefahrenrisikoanalyse kombiniert werden. Zusätzlich erschwert wird diese Aufgabe durch die Tatsache, dass die Optima aus betriebs- und volkswirtschaftlicher Sicht nicht selten divergieren. Der Frage, wie und wo pro verfügbarem Subventionsfranken die bestmögliche Wirkung erzielt werden kann, sollte daher in den kommenden Jahren grosse Beachtung geschenkt werden. Das BAFU hat den Bedarf erkannt und fordert in der überarbeiteten Vollzugshilfe NaiS von den Kantonen entsprechende Aktivitäten.

Fazit und Ausblick

Die Sicherstellung einer nachhaltigen Verjüngung im Gebirgswald war bereits früher eine komplexe Aufgabe, die die Schutzwaldbewirtschaftung vor grosse Herausforderungen stellte. Der aktuelle Klimawandel wird die heutigen Gebirgsnadelwälder stark verändern und macht waldbauliche Entscheidungen noch anspruchsvoller. Viele Grundsätze bleiben dabei gültig: etwa der Fokus auf die standörtlichen Bedingungen oder die Strategie der Risikoreduktion durch kleinräumig strukturierte, vielfältige und stabile Bestände. Neu ist, dass sich die Standortsverhältnisse innerhalb weniger Jahrzehnte stark verändern und der Anpassung der Baumartenmischung eine entscheidende Rolle zukommt. Die Verjüngung bleibt dabei zentraler Ansatzpunkt für Verbesserungen des Waldzustands. Gleichzeitig nehmen auch die Störungsrisiken deutlich zu, und die durch den Klimawandel verursachten Unsicherheiten sind gross, sowohl was die Veränderungen in der Walddynamik betrifft als auch den bestmöglichen Umgang damit. Für eine erfolgreiche Bewältigung der beschriebenen Herausforderungen sollten Praxis und Wissenschaft zukünftig noch enger zusammenarbeiten. Um handlungsfähig zu bleiben, müssen pragmatische Ansätze verfolgt und im Einzelfall konsequent und zielorientiert angewendet werden – während gleichzeitig an verbesserten Empfehlungen und Tools gearbeitet wird.

Literatur

  • AWN GR (2025)

    Situation Schäden durch Schalenwild am Wald, Einschätzung Frühjahr 2025. Chur.

  • BAFU (2024)

    Nachhaltigkeit und Erfolgskontrolle im Schutzwald NaiS, Vollzugshilfe für Pflegemassnahmen in Wäldern mit Schutzfunktion, Stand 2024. Bern: Bundesamt für Umwelt. 40 p

  • Brang P, Duc P (2002)

    Zu wenig Verjüngung im Schweizer GebirgsFichtenwald: Nachweis mit einem neuen Modellansatz. Schweiz Z Forstwes 153: 219–227. doi:https://doi.org/10.3188/szf.2002.0219

  • Bürgi P, Müller A, Pauli B, Rosset C (2024)

    Forstwirtschaftliches Testbetriebsnetz der Schweiz: Ergebnisse der Jahre 2020–2022. Neuenburg: Bundesamt für Statistik. 52 p.

  • Nikolova PS, Allgaier Leuch B, Frehner M, Wohlgemuth T, Brang P (2024)

    Indikatoren der Waldverjüngung und ihre Anwendungsbereiche. Schweiz Z Forstwes 175 (3): 108–115. doi:https://doi.org/10.3188/szf.2024.0108

  • Turner B (2024)

    Wildschutzzäune im Forstrevier Albula – eine kostspielige Notlösung. BündnerWald 3/2024: 50–53.

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